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Warum Männer im Marathon häufiger gegen die Wand laufen
 
 
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05.07.2026  

 
 

 
Männer laufen Marathon im Schnitt schneller. Aber sie laufen ihn nicht unbedingt klüger. Eine neue große Analyse des Berlin-Marathons zeigt, warum der gefährlichste Gegner oft nicht auf der Strecke steht, sondern im eigenen Kopf mitläuft.
 
Es gibt diesen Punkt im Marathon, an dem aus Laufen plötzlich Rechnen wird. Noch acht Kilometer. Noch sieben. Vielleicht ein Gel. Vielleicht Wasser. Vielleicht doch kurz gehen. Die Uhr zeigt längst nicht mehr das, was man sich vorgenommen hatte. Die Beine reagieren verzögert, der Schritt wird schwer, der Kopf sucht nach Erklärungen.
 
Läuferinnen und Läufer kennen diesen Moment. Er hat einen Namen, der fast zu bildhaft klingt, um wissenschaftlich zu sein: "Hitting the Wall". Gegen die Wand laufen. Gemeint ist jener plötzliche Leistungseinbruch, bei dem ein Rennen nicht einfach nur mühsam wird, sondern kippt. Aus Kontrolle wird Schadensbegrenzung. Aus einem Zieltempo wird ein Wunsch aus der Vergangenheit.
 
Eine neue Studie im Fachjournal *Scientific Reports* hat sich dieses Phänomen in ungewöhnlicher Größe angesehen. Grundlage waren 873.334 Zielankünfte beim Berlin-Marathon aus den Jahren 1999 bis 2025. Berlin eignet sich für eine solche Analyse besonders gut, weil der Kurs flach, schnell und international stark besetzt ist. Die Forschenden definierten "Hitting the Wall" nicht nach Gefühl, sondern messbar: Wer die zweite Marathonhälfte mindestens 20 Prozent langsamer lief als die erste, fiel in diese Kategorie.
 
Das Ergebnis ist deutlich: Männer traf es fast doppelt so häufig wie Frauen. 17,63 Prozent der Männer erlebten nach dieser Definition einen massiven Tempoeinbruch, bei den Frauen waren es 9,66 Prozent. Gleichzeitig waren die Männer im Schnitt schneller im Ziel. Ihre durchschnittliche Nettozeit lag bei 4:02:22 Stunden, die der Frauen bei 4:28:36 Stunden. Genau darin steckt die eigentliche Pointe: Schneller laufen und besser einteilen sind nicht dasselbe.
 
Besonders spannend wird die Studie bei den schnellen Läufern. In der Gruppe unter drei Stunden war der Einbruch insgesamt selten. Aber wenn er vorkam, dann deutlich häufiger bei Männern. In dieser Leistungsklasse waren Männer etwa sechsmal so oft betroffen wie Frauen: 1,42 Prozent gegenüber 0,23 Prozent. Damit lässt sich das Thema nicht einfach als Anfängerfehler abtun. Selbst gut trainierte, ambitionierte Läufer können in die Falle laufen, wenn sie den Marathon zu früh herausfordern.
 
Warum passiert das?
 
Ein Marathon ist kein langer Tempolauf mit Ziellinie. Er ist ein Wettkampf der Energieverwaltung. Der Körper speichert Kohlenhydrate in Form von Glykogen, doch diese Vorräte sind begrenzt. Wer zu früh zu schnell läuft, verbraucht einen Teil dieser schnellen Energie, bevor das Rennen wirklich entschieden wird. Später muss der Körper stärker auf andere Energiequellen zurückgreifen. Das funktioniert, aber nicht im gleichen Tempo und nicht mit der gleichen Leichtigkeit.
 
Die Studie selbst bleibt hier vorsichtig. Aus Renndaten lassen sich keine direkten Stoffwechselwerte ableiten. Es wurden keine Muskelglykogenwerte gemessen, keine Laktatkurven erhoben und keine Herzfrequenzdaten ausgewertet. Der Tempoeinbruch ist also ein beobachtbares Muster, kein Laborbeweis für leere Speicher. Trotzdem passt das Ergebnis sehr gut zu dem, was viele Marathonläufer aus eigener Erfahrung kennen: Wer am Anfang überzieht, bekommt die Quittung später.
 
Doch der Körper erklärt nur einen Teil der Geschichte. Der andere Teil beginnt im Startblock.
 
Am Anfang eines Marathons fühlt sich vieles zu leicht an. Die Beine sind frisch, die Zuschauer laut, die Gruppe zieht. Die Pace, die im Trainingsplan noch als mutig galt, wirkt plötzlich machbar. Vielleicht sogar konservativ. Genau das ist gefährlich. Der Marathon warnt nicht sofort. Er lässt einen eine Weile glauben, man habe heute mehr drauf als geplant.
 
Hier setzt die psychologische Deutung der Forschenden an. Sie diskutieren, dass Männer in Wettkampfsituationen im Durchschnitt eher zu riskanterem Verhalten und Selbstüberschätzung neigen könnten. Auf den Marathon übertragen heißt das: etwas zu schnell anlaufen, zu lange an einer Gruppe hängen, Warnzeichen ignorieren, das gute Gefühl der ersten Kilometer mit echter Stabilität verwechseln.
 
Frauen liefen in der Berliner Analyse im Schnitt gleichmäßiger. Bei den 5-Kilometer-Zwischenzeiten zeigte sich, dass Männer in der späten Phase stärker abbauten. Zwischen Kilometer 35 und 40 verloren sie im Vergleich zum frühen Abschnitt zwischen Kilometer 5 und 10 im Schnitt mehr Tempo als Frauen. Außerdem blieb bei rund 52 Prozent der Frauen kein klarer, dauerhaft zunehmender Tempoeinbruch erkennbar. Bei den Männern waren es rund 36 Prozent.
 
Das ist keine einfache Geschichte von "Frauen besser, Männer schlechter". Männer sind im Marathon im Durchschnitt weiterhin schneller. Dafür gibt es bekannte physiologische Gründe, darunter Unterschiede bei Muskelmasse, Sauerstofftransport und Körperzusammensetzung. Aber Geschwindigkeit allein sagt nichts darüber aus, wie gut jemand seine Kräfte über 42,195 Kilometer verteilt. Die Studie zeigt eher: Frauen scheinen im Schnitt seltener bereit zu sein, schon früh im Rennen ein Risiko einzugehen, das später teuer wird.
 
Für die Praxis ist das die wichtigste Botschaft. Der Marathon bestraft nicht Ehrgeiz. Er bestraft unkontrollierten Ehrgeiz.
 
Ein guter Marathon beginnt deshalb oft unspektakulär. Die ersten Kilometer dürfen sich fast zu leicht anfühlen. Wer dort schon kämpfen muss, läuft nicht mutig, sondern wahrscheinlich zu schnell. Gerade die ersten fünf Kilometer sind trügerisch, weil der Körper noch vieles verzeiht. Der Puls ist vielleicht etwas höher als geplant, aber noch nicht alarmierend. Die Atmung passt. Die Beine melden keine Gefahr. Doch der Marathon merkt sich jeden kleinen Übermut.
 
Das gilt nicht nur für die Pace. Auch Verpflegung ist Teil der Einteilung. Wer wartet, bis der Hunger kommt, ist zu spät dran. Wer erst trinkt, wenn der Mund trocken ist, hat bereits Boden verloren. Wer ein Gel auslässt, weil es "gerade so gut läuft", verwechselt Gegenwart mit Zukunft. Im Marathon ist die beste Entscheidung oft die, die sich im Moment noch nicht notwendig anfühlt.
 
Viele Einbrüche entstehen nicht durch einen einzigen Fehler. Sie entstehen durch eine Kette kleiner Nachlässigkeiten. Ein paar Sekunden zu schnell pro Kilometer. Eine Verpflegungsstelle ausgelassen. Eine Gruppe, die eigentlich nicht zum eigenen Plan passt. Ein kurzer Gedanke: Heute geht vielleicht mehr. Jeder einzelne Punkt wirkt harmlos. Zusammen können sie später die Wand bauen, gegen die man läuft.
 
Gerade Männer könnten aus dieser Studie eine einfache, aber unbequeme Lehre ziehen: Nicht jedes gute Gefühl ist ein guter Ratgeber. Wer bei Kilometer zehn glaubt, er könne heute den Plan nach oben korrigieren, sollte sich fragen, ob diese Entscheidung auch bei Kilometer 32 noch sinnvoll wirkt. Der Marathon ist lang genug, um fast jede frühe Euphorie zu entlarven.
 
Das heißt nicht, dass man ängstlich laufen soll. Ein Marathon braucht Mut. Aber es ist ein anderer Mut als der, den viele am Start zeigen. Es ist der Mut, sich zurückzuhalten, obwohl andere vorbeiziehen. Der Mut, eine Gruppe laufen zu lassen. Der Mut, dem eigenen Plan zu vertrauen, wenn das Rennen noch leicht ist. Und später vielleicht der Mut, das Tempo erst dann zu erhöhen, wenn andere bereits langsamer werden.
 
Die Forschenden leiten aus ihren Daten genau diese Richtung ab: Wer das Risiko eines Einbruchs senken will, sollte konservativer starten und das Rennen kontrollierter aufbauen. Besonders für ambitionierte Läufer kann das entscheidend sein. Nicht weil sie zu wenig trainieren. Sondern weil sie ihre Form manchmal zu früh beweisen wollen.
 
Am Ende ist der Marathon brutal ehrlich. Er interessiert sich nicht dafür, wie gut sich Kilometer fünf angefühlt hat. Er fragt bei Kilometer 35, was davon noch übrig ist. Er belohnt nicht denjenigen, der am Anfang am meisten will, sondern denjenigen, der sein Wollen dosieren kann.
 
Vielleicht ist das die eigentliche Erkenntnis dieser Studie: Die Wand steht nicht einfach irgendwo auf der Strecke. Viele Läufer bauen sie sich selbst. Schritt für Schritt. Kilometer für Kilometer. Und wer klug läuft, läuft nicht härter gegen sie an. Er läuft so, dass er ihr gar nicht erst begegnet.

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Autor und Copyright: Detlev Ackermann, Laufen-in-Koeln


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