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Der unterschätzte Tempomacher: Wie die Großzehe die Laufökonomie beeinflusst |
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| Extremläuferin und
Joe-Nimble-Athletin Tanja Schönenborn. Neben Ausdauer und Beinkraft
rückt bei ambitionierten Läuferinnen zunehmend auch die Funktion der
Füße in den Fokus. Foto: Joe Nimble. |
Ambitionierte Läuferinnen investieren viel Zeit in Ausdauer, Krafttraining
und Regeneration. Ein wichtiger Teil der Bewegungskette wird dabei jedoch häufig
übersehen. Die Großzehe beeinflusst, wie stabil der Fuß arbeitet und wie
effektiv die erzeugte Kraft auf den Boden übertragen wird. Doch kann gezieltes
Zehentraining tatsächlich zu schnelleren Zeiten führen?
Der Trainingsplan ist präzise
abgestimmt. Die Intervalle sitzen, die langen Läufe werden gewissenhaft
absolviert und auch Schlaf, Ernährung und Regeneration sind längst Teil der
Vorbereitung. Trotzdem bewegt sich die persönliche Bestzeit seit Monaten nicht
mehr.
Wer an einem solchen
Leistungsplateau festhängt, sucht die Ursache meist bei der Ausdauer, der
Tempohärte oder der allgemeinen Kraft. Der britische Biomechaniker und
Lauftrainer Lee Saxby lenkt den Blick deutlich weiter nach unten. Seiner Ansicht
nach entscheidet sich ein Teil der Laufleistung dort, wo kaum jemand nach
zusätzlichem Tempo suchen würde: im Großzehengrundgelenk.
Das klingt zunächst nach einem
Randthema für die Fußgymnastik. Tatsächlich geht es jedoch um eine grundlegende
Frage der Laufmechanik. Der Körper erzeugt über Hüfte, Oberschenkel, Waden und
Achillessehne große Kräfte. Damit daraus Vortrieb entsteht, müssen sie am Ende
über den Fuß auf den Boden übertragen werden. Hier kommt die Großzehe ins Spiel.
Der letzte Hebel der Bewegungskette
Die Frage ist besonders für
ambitionierte Läuferinnen interessant, die gezielt an ihren Zeiten arbeiten,
sich auf Halbmarathon oder Marathon vorbereiten oder das Lauftraining mit
kraftbetonten Wettkampfformaten wie HYROX verbinden.
Saxby kritisiert, dass sich
Training und Sportwissenschaft lange vor allem damit beschäftigt hätten, wie der
Körper mehr Kraft erzeugen könne. Mindestens ebenso wichtig sei jedoch, wie
effizient diese Kraft den Körper verlasse und auf den Boden übertragen werde.
Das Großzehengrundgelenk, in
der Fachsprache erstes Metatarsophalangealgelenk oder MTP-Gelenk, bildet die
Verbindung zwischen dem ersten Mittelfußknochen und der Großzehe. Während der
späten Stützphase wird das Gelenk deutlich nach oben gebeugt. Der Fuß bereitet
sich auf den Abdruck vor.
Der große Zeh ist dabei nicht
der eigentliche Motor des Laufschritts. Die meiste Antriebsleistung entsteht in
den wesentlich stärkeren Muskelgruppen rund um Hüfte, Knie und Sprunggelenk. Er
bildet aber einen wichtigen Kontaktpunkt am Ende dieser Kette. Über ihn muss ein
Teil der erzeugten Kraft kontrolliert in den Boden gelangen.
Ist die Großzehe unbeweglich,
geschwächt oder deutlich in Richtung der anderen Zehen verschoben, verändert
sich häufig das Abrollverhalten. Der Körper findet zwar fast immer einen Ausweg.
Er kann stärker über die kleineren Zehen abrollen, den Fuß nach außen drehen
oder Bewegungen über Knie und Hüfte ausgleichen. Solche Anpassungen verursachen
nicht zwangsläufig Beschwerden, können aber die Kraftverteilung und den
Bewegungsablauf beeinflussen.
Wenn aus Kraft nicht vollständig Vortrieb wird
Saxby vergleicht den Körper mit
einem leistungsstarken Motor, dessen Getriebe nicht optimal arbeitet. Herz,
Lunge und Beinmuskulatur können noch so gut trainiert sein: Fehlt dem Fuß beim
Abdruck ein stabiler Hebel, erreicht ein Teil der erzeugten Leistung nicht in
der gewünschten Form den Boden.
Nach seiner Einschätzung könne
eine eingeschränkte Funktion der Großzehe dazu führen, dass Läuferinnen bis zu
15 Prozent ihrer natürlichen Kraft nicht effektiv nutzen. Diese Zahl stammt aus
Saxbys biomechanischer Bewertung und sollte nicht als allgemeingültiger Wert
verstanden werden. Eine unabhängig bestätigte pauschale Leistungseinbuße von 15
Prozent lässt sich aus der bisherigen Studienlage nicht ableiten.
Wie groß der tatsächliche
Effekt ist, dürfte unter anderem von der Fußform, der Beweglichkeit des Gelenks,
der Laufgeschwindigkeit, dem Schuh und der individuellen Lauftechnik abhängen.
Die grundlegende Überlegung ist dennoch nachvollziehbar: Je stabiler der Vorfuß
in der entscheidenden Phase arbeitet, desto kontrollierter können die Kräfte aus
Wade, Achillessehne und Fuß auf den Boden übertragen werden.
Das Sprungbrett unter dem Fuß
Besonders deutlich wird die
Aufgabe der Großzehe beim Beschleunigen, Sprinten oder bei schnellen
Richtungswechseln. Sobald sich die Ferse vom Boden löst, wird das
Großzehengrundgelenk nach oben gebeugt. In dieser Position müssen die Großzehe
und die beteiligte Muskulatur der Belastung standhalten.
Eine Untersuchung mit
College-Sportlern zeigte, dass eine höhere Druckkraft der Großzehe in dieser
gestreckten Position mit besseren Ergebnissen bei Richtungswechseltests
zusammenhing. Für die reine Sprintfähigkeit ließ sich dagegen kein eindeutiger
Zusammenhang feststellen.
Das Bild vom Sprungbrett
beschreibt den Mechanismus dennoch anschaulich. Ein stabiles Brett kann die
eingeleitete Kraft weitergeben. Gibt es zu stark nach, geht ein Teil der Wirkung
verloren. Für Straßenläuferinnen könnte dieser Zusammenhang vor allem bei
Steigerungsläufen, Berganpassagen, kurzen Intervallen und im Endspurt eine Rolle
spielen. Bei HYROX oder Crossläufen kommen häufige Tempowechsel und
Richtungsänderungen hinzu.
Wie die Großzehe die Fußfeder spannt
Beim Anheben der Großzehe wird
die Plantarfaszie unter dem Fuß gespannt. Sie verläuft von der Ferse bis in den
Vorfuß und wickelt sich beim Abrollen um den Kopf des Mittelfußknochens. Dieser
Vorgang wird als Windlass-Mechanismus bezeichnet.
Dadurch hebt sich das
Längsgewölbe leicht an und der Fuß wird für die Abstoßphase steifer. Aus einem
anpassungsfähigen Stoßdämpfer entsteht ein stabilerer Hebel. Die Großzehe trägt
somit dazu bei, dass der Fuß während eines einzigen Schrittes seine Funktion
wechseln kann.
Beim Aufsetzen soll er
Belastungen aufnehmen und sich dem Untergrund anpassen. Beim Abdruck muss er
dagegen ausreichend fest sein, damit die Kraft nicht in einer zu starken
Verformung des Fußes verloren geht.
Die Forschung zeigt allerdings
auch, dass dieser Mechanismus beim Laufen komplexer ist als in vereinfachten
Modellen. Nicht nur die Plantarfaszie, sondern auch die kleinen Fußmuskeln, die
Sehnen und weitere passive Strukturen tragen zur Stabilisierung des Fußgewölbes
bei. Der Fuß ist keine starre Feder, sondern ein aktives System, das seine
Spannung an die jeweilige Belastung anpasst.
Das Zusammenspiel mit Wade und Achillessehne
Wade und Achillessehne
funktionieren beim Laufen teilweise wie ein elastischer Energiespeicher. Während
der Belastungsphase wird Energie aufgenommen und beim Abdruck wieder
freigesetzt. Dadurch muss die Muskulatur nicht bei jedem Schritt die gesamte
Arbeit neu erzeugen.
Saxby bezeichnet die Großzehe
in diesem Zusammenspiel als Anker. Die Vorstellung dahinter ist einfach: Nur
wenn der Vorfuß am Ende der Stützphase stabil bleibt, kann die über Wade,
Achillessehne und Fußgewölbe bereitgestellte Energie kontrolliert in den Abdruck
fließen.
In der Presseinformation ist in
diesem Zusammenhang von einem möglichen Vorteil von bis zu vier Prozent bei der
Kraftausdauer die Rede. Auch diese Zahl sollte vorsichtig eingeordnet werden.
Die Bedeutung der elastischen Energiespeicherung für die Laufökonomie ist gut
belegt. Daraus folgt jedoch nicht, dass eine beweglichere oder kräftigere
Großzehe automatisch bei jeder Läuferin eine Verbesserung um vier Prozent
bewirkt.
Die Großzehe ist Teil des
Systems, aber nicht dessen alleiniger Schalter.
Wie viel Platz braucht der Fuß im Laufschuh?
Neben dem Training rückt damit
die Passform des Laufschuhs in den Mittelpunkt. Vor allem eine seitlich eng
zulaufende Zehenbox kann die Zehen zusammendrücken und die Großzehe in Richtung
der zweiten Zehe schieben.
Eine Untersuchung, bei der die
Bewegung des Großzehengrundgelenks während des Laufens mithilfe eines speziellen
Röntgenverfahrens beobachtet wurde, fand deutliche Unterschiede zwischen dem
Laufen mit Schuhen und dem Barfußlaufen. Im Schuh waren sowohl die maximale
Streckung als auch der gesamte Bewegungsumfang des Gelenks geringer.
Daraus lässt sich nicht
ableiten, dass Laufschuhe grundsätzlich die natürliche Fußfunktion behindern.
Schuhe schützen, dämpfen und können den Laufkomfort verbessern. Sie verändern
jedoch die Bewegung des Fußes. Entscheidend ist deshalb, ob der Schuh zur
individuellen Anatomie passt.
Die Großzehe sollte möglichst
gerade liegen können, ohne seitlich gegen das Obermaterial gedrückt zu werden.
Auch die übrigen Zehen brauchen ausreichend Platz, um sich leicht zu spreizen.
Gleichzeitig muss der Schuh den Mittelfuß sicher halten. Eine breite Zehenbox
allein macht noch keinen guten Laufschuh, wenn der Fuß darin bei jedem Schritt
nach vorne oder zur Seite rutscht.
Druckstellen, Taubheitsgefühle
und dauerhaft zusammengepresste Zehen sind dagegen deutliche Hinweise darauf,
dass die Passform nicht stimmt.
Der deutsche
Laufschuhhersteller Joe Nimble, mit dem Saxby zusammenarbeitet, setzt bei seinen
Modellen gezielt auf mehr Raum im Vorfuß. Das Unternehmen bezeichnet dieses
Konzept als Zehenfreiheit und will damit die natürliche Hebelfunktion der
Großzehe unterstützen. Da Saxbys Aussagen direkt in die Produktentwicklung der
Marke einfließen, sollte diese Verbindung bei der Bewertung seiner Empfehlungen
berücksichtigt werden.
Macht Zehentraining schneller?
Die Großzehe lässt sich ebenso
trainieren wie andere Teile des Bewegungsapparates. Die entscheidende Frage
lautet jedoch, ob eine stärkere Zehenmuskulatur tatsächlich zu besseren
Laufzeiten führt.
Eine Untersuchung der Deutschen
Sporthochschule Köln liefert dazu ein differenziertes Bild. Nach einem
siebenwöchigen Krafttraining der Zehenbeuger nahm die Kraft im Großzehengelenk
deutlich zu. Auch die Leistung beim beidbeinigen Standweitsprung verbesserte
sich. Eine bessere Laufökonomie oder schnellere Zeiten wurden in dieser
Untersuchung allerdings nicht nachgewiesen.
Eine weitere Studie kam zu
einem ähnlichen Ergebnis. Nach zehn Wochen Fußmuskeltraining waren die
Zehenbeuger der Trainingsgruppe stärker. Die gemessene Laufökonomie sowie die
Mechanik des Großzehen- und Sprunggelenks veränderten sich jedoch nicht
wesentlich.
Andere kleinere Untersuchungen
fanden Verbesserungen bei Sprungleistungen und kurzen Sprints. Ob sich solche
Ergebnisse auf einen Zehnkilometerlauf oder einen Marathon übertragen lassen,
ist offen.
Die bisherige Forschung spricht
deshalb weder dafür, die Fußmuskulatur zu ignorieren, noch dafür, sie als
geheime Abkürzung zur Bestzeit zu betrachten. Ein kräftiger, beweglicher und
kontrolliert arbeitender Fuß schafft gute Voraussetzungen. Er ersetzt aber weder
Ausdauertraining noch Tempoläufe, Krafttraining und Erholung.
Ein einfacher Blick auf die eigene Fußmechanik
Joe Nimble stellt einen
30-Sekunden-Test zur Verfügung, mit dem Läuferinnen überprüfen können, wie
stabil ihr Fuß während einer abstoßähnlichen Bewegung arbeitet.
Dabei steht die Testperson
einbeinig vor einer Wand und hebt die Ferse mehrfach möglichst weit an.
Beobachtet wird, ob der Fuß kontrolliert über die Großzehe arbeitet oder während
der Bewegung deutlich nach innen beziehungsweise außen ausweicht.
Ein solcher Selbsttest kann auf
Seitenunterschiede, eine eingeschränkte Kontrolle oder mangelnde Beweglichkeit
aufmerksam machen. Er ersetzt jedoch keine medizinische oder
physiotherapeutische Untersuchung. Schmerzen, eine zunehmend steife Großzehe
oder eine ausgeprägte Fehlstellung sollten fachlich abgeklärt werden.
Kein Wundermittel, aber mehr als ein Nebendarsteller
Lee Saxby fordert, Fußmechanik
nicht als Wellness-Thema abzutun. Damit trifft er einen wichtigen Punkt.
Laufleistung entsteht nicht allein in Herz und Lunge. Sie hängt auch davon ab,
wie der Körper Kräfte aufnimmt, speichert, weiterleitet und schließlich auf den
Boden bringt.
Die Großzehe ist dabei weder
der alleinige Schlüssel zur persönlichen Bestzeit noch ein unbedeutendes
Anhängsel. Sie beeinflusst die Spannung des Fußgewölbes, stabilisiert den Vorfuß
und übernimmt während des Abdrucks eine wichtige Hebelfunktion.
Für ambitionierte Läuferinnen
ergibt sich daraus eine praktische Konsequenz: Auch die Füße gehören ins
Training. Einfache Übungen für Beweglichkeit, Zehenkraft und Fußkontrolle lassen
sich ohne großen Zeitaufwand in das Athletikprogramm integrieren. Ebenso
sinnvoll ist ein kritischer Blick auf die Passform der Laufschuhe.
Die nächste Bestzeit wird
wahrscheinlich nicht allein durch ein paar Minuten Zehengymnastik fallen. Wer
seine Füße jedoch dauerhaft einengt, die Beweglichkeit der Großzehe
vernachlässigt und die kleinen Fußmuskeln nie fordert, lässt möglicherweise
einen Teil seines Potenzials ungenutzt.
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30-Sekunden-Funktionstest: Joe Nimble hat einen praktischen Selbsttest entwickelt,
um zu überprüfen, ob ihr "biologischer Hebel" voll einsatzfähig ist. |
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Autor und Copyright: Detlev Ackermann, Laufen-in-Koeln
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