| |
|
|
 |
|
 |
Oberkörperfrei laufen: Was dafür und was dagegen spricht |
| |
Sobald die Temperaturen steigen, verschwinden auf den Laufstrecken die ersten
Shirts. Für manche ist das Laufen mit freiem Oberkörper die angenehmste Form des
Sommertrainings. Andere empfinden den Anblick als unnötige Selbstdarstellung.
Was spricht sportlich dafür, was gesundheitlich dagegen und welche Rolle spielt
der Ort, an dem gelaufen wird?
Der Sommermorgen ist noch jung,
doch die Wärme liegt bereits über dem Park. Auf dem Weg sind Menschen mit Hunden
unterwegs, einige fahren mit dem Rad zur Arbeit, andere drehen ihre Laufrunde.
Mittendrin kommt ein Mann entgegen. Kurze Hose, Laufschuhe, nackter Oberkörper.
Das Shirt steckt zusammengerollt im Hosenbund.
Ein alltägliches Bild, das
erstaunlich zuverlässig Diskussionen auslöst.
Eine Kolumne im
österreichischen ?Standard? hat die Frage zuletzt wieder aufgegriffen. Darin
geht es nicht nur um Sportbekleidung, sondern auch um gesellschaftliche
Gewohnheiten. Männer können ihr Oberteil im öffentlichen Raum meist ablegen,
ohne damit größere Aufmerksamkeit zu erzeugen. Frauen wird diese Freiheit
deutlich seltener zugestanden.
Doch muss aus einer
Kleidungsfrage gleich eine Grundsatzdebatte werden? Oder gibt es tatsächlich
gute Gründe, das Shirt beim Laufen anzubehalten?
Kühlt der freie Oberkörper wirklich besser?
Das häufigste Argument ist
ebenso einfach wie nachvollziehbar: Es ist heiß. Jede zusätzliche Stoffschicht
fühlt sich dann überflüssig an. Ohne Shirt könne der Schweiß besser verdunsten
und der Körper mehr Wärme abgeben.
Ganz falsch ist dieser Gedanke
nicht. Beim Laufen produziert die Muskulatur Wärme. Um die Körpertemperatur zu
regulieren, wird die Haut stärker durchblutet und der Körper beginnt zu
schwitzen. Kühlung entsteht allerdings erst, wenn der Schweiß verdunstet. Läuft
er lediglich über die Haut oder tropft zu Boden, ist der Effekt deutlich
geringer.
Ob ein nackter Oberkörper
tatsächlich angenehmer ist als ein modernes Laufshirt, hängt von mehreren
Faktoren ab. Temperatur, Luftfeuchtigkeit, Wind, Sonneneinstrahlung, Lauftempo,
Schnitt und Material spielen zusammen. Eine allgemeingültige Antwort gibt es
deshalb nicht.
Leichte und luftdurchlässige
Funktionsstoffe können Feuchtigkeit von der Haut wegtransportieren und die
Verdunstung unterstützen. Ein schlecht sitzendes oder bereits völlig
durchnässtes Shirt kann sich dagegen schwer und unangenehm anfühlen.
Eine Untersuchung mit gut
trainierten Ausdauersportlern, die bei 35 Grad mit verschiedenen Oberteilen
liefen, fand bei Körpertemperatur, Flüssigkeitsverlust, Laufleistung und
Belastungsempfinden keine deutlichen Unterschiede zwischen Baumwollshirt,
Funktionsshirt, Kompressionsoberteil und einem speziell beschichteten
Sportshirt. Ohne Oberteil wurde zwar nicht getestet. Die Ergebnisse zeigen
jedoch, dass die Unterschiede zwischen verschiedenen Bekleidungsvarianten in der
Praxis kleiner sein können, als das persönliche Gefühl vermuten lässt.
Das Shirt auszuziehen, macht
aus einem heißen Lauf also nicht automatisch ein kühles Training.
In der Sonne kann ein Shirt sogar helfen
Im Schatten eines Waldes oder
am frühen Morgen kann sich der freie Oberkörper angenehm anfühlen. Unter
direkter Sonne verändert sich die Situation. Dann treffen UV-Strahlung und
Strahlungswärme ungehindert auf Schultern, Brust und Rücken.
Ein helles, leichtes Laufshirt
schützt große Teile der Haut und kann verhindern, dass sich die Oberfläche durch
die Sonne zusätzlich aufheizt. Besonders bei längeren Einheiten ist dieser
Schutz nicht zu unterschätzen.
Das Bundesamt für
Strahlenschutz empfiehlt bereits ab einem UV-Index von 3, starke Sonne möglichst
zu meiden, schützende Kleidung zu tragen und unbedeckte Haut einzucremen.
Kleidung gilt dabei als besonders verlässliche Schutzmaßnahme.
Für regelmäßig Laufende
summiert sich die Sonneneinstrahlung. Eine einzelne Runde von 45 Minuten wirkt
vielleicht unproblematisch. Wer aber über viele Jahre mehrmals pro Woche im
Freien trainiert, kommt auf eine beträchtliche UV-Belastung. Diese kann die Haut
vorzeitig altern lassen und das Hautkrebsrisiko erhöhen.
Wer ohne Shirt läuft, müsste
Brust, Schultern, Bauch und Rücken sorgfältig eincremen. Gerade am Rücken
bleiben jedoch schnell Stellen ungeschützt. Schweiß und Reibung können die
Schutzwirkung zusätzlich beeinträchtigen.
Bei starker Sonne ist das
Laufshirt deshalb keine überflüssige Stoffschicht, sondern ein sinnvoller Teil
des Sonnenschutzes.
Erlaubt heißt nicht überall passend
Ein Mann, der mit freiem
Oberkörper durch einen Park läuft, begeht in Deutschland grundsätzlich keine
Ordnungswidrigkeit. Ein gewöhnlicher Trainingslauf dürfte kaum als grob
ungehörige Handlung gelten.
Damit ist die Frage rechtlich
weitgehend geklärt. Gesellschaftlich ist sie es nicht.
Entscheidend ist, wo gelaufen
wird. Auf einer ruhigen Strecke am Fluss, im Wald oder auf einem wenig besuchten
Feldweg wird sich kaum jemand an einem nackten Oberkörper stören. Anders kann es
in einer vollen Fußgängerzone, auf einer belebten Promenade oder in
unmittelbarer Nähe von Geschäften und Gastronomie aussehen.
Spätestens beim Betreten eines
Cafés, eines Geschäfts, eines Fitnessstudios oder eines öffentlichen
Verkehrsmittels gelten andere Maßstäbe. Dort können Betreiber über ihr Hausrecht
verlangen, dass Oberbekleidung getragen wird.
Es geht dabei weniger um
Verbote als um Gespür für die Situation. Laufende bewegen sich in einem
öffentlichen Raum, den sie mit Spaziergängern, Familien, Radfahrern und vielen
anderen Menschen teilen. Ein Park ist keine reine Sportanlage und eine Promenade
kein persönlicher Trainingskorridor.
Rücksicht bedeutet nicht, dass
jedes nackte Stück Haut zum Problem erklärt werden muss. Sie bedeutet aber auch,
nicht jede kritische Reaktion als Angriff auf die eigene Freiheit abzutun.
Eine Freiheit mit unterschiedlichen Maßstäben
Die Diskussion hat noch eine weitere Ebene. Ein nackter männlicher Oberkörper
gilt im Sommer vielerorts als selbstverständlich. Frauen müssen dagegen selbst
in funktioneller Sportkleidung häufiger mit Kommentaren, Blicken oder
Sexualisierung rechnen. Ein Sport-BH wird schneller als aufreizend bewertet als
ein vollständig unbekleideter männlicher Oberkörper.
Daraus folgt nicht, dass Männer
aus Solidarität nur noch vollständig bekleidet laufen sollten. Es erklärt aber,
warum das Thema mehr auslöst als eine nüchterne Debatte über
Temperaturregulation.
Hinzu kommt die Inszenierung
des Körpers. In sozialen Netzwerken wird das oberkörperfreie Laufen häufig mit
sichtbaren Muskeln, schnellen Trainingseinheiten und sportlicher
Leistungsfähigkeit verbunden. Das kann motivieren, vermittelt aber leicht den
Eindruck, ein Laufkörper müsse bestimmten ästhetischen Vorstellungen
entsprechen.
Dabei gehört gerade die
Vielfalt zum Laufen. Niemand braucht einen definierten Oberkörper, um ohne Shirt
trainieren zu dürfen. Ebenso wenig ist ein Läufer weniger sportlich oder
selbstbewusst, nur weil er sein Oberteil anlässt.
Das sollte für alle
Körperformen gelten.
Praktische Gründe für das Laufshirt
Neben Sonnenschutz und
Rücksicht gibt es einige handfeste Argumente für ein Oberteil. Es kann Schweiß
aufnehmen, die Haut vor Zweigen und Insekten schützen und bei kühlerem Wind
verhindern, dass der Körper zu schnell auskühlt.
Viele Laufshirts besitzen zudem
reflektierende Elemente oder Taschen für Schlüssel, Karten und Verpflegung. Im
Wettkampf kommt die Startnummer hinzu, die gut sichtbar und entsprechend den
Vorgaben des Veranstalters getragen werden muss.
Allerdings kann ein
ungeeignetes Shirt auch Probleme verursachen. Nasses Material, harte Nähte oder
eine ungünstige Passform führen bei längeren Läufen schnell zu Scheuerstellen.
Besonders Männer kennen schmerzhaft gereizte oder sogar blutende Brustwarzen.
Die beste Lösung besteht jedoch
nicht zwangsläufig darin, ohne Oberteil zu laufen. Ein gut sitzendes
Funktionsshirt, Hautschutzcreme oder Brustwarzenpflaster verhindern die
Beschwerden meist zuverlässiger.
Am Ende entscheidet die Situation
Oberkörperfreies Laufen ist
weder eine sportliche Notwendigkeit noch ein gesellschaftlicher Skandal. Es kann
sich bei hohen Temperaturen angenehm anfühlen, bietet aber keinen garantierten
Kühlungs- oder Leistungsvorteil. Bei starker Sonneneinstrahlung ist ein leichtes
Shirt häufig sogar die vernünftigere Wahl.
Auf einer ruhigen Waldrunde am
frühen Morgen spricht wenig dagegen, das Oberteil auszuziehen. In der prallen
Mittagssonne, auf stark frequentierten Wegen oder beim anschließenden Besuch in
Bus, Bahn, Geschäft oder Café sollte das Shirt besser am Körper bleiben.
Nicht alles, was erlaubt ist,
passt zu jeder Gelegenheit. Meist genügt ein wenig Aufmerksamkeit für die
Umgebung.
|
Muss
oberkörperfreies Joggen also sein? Nein. Darf es sein? In vielen Situationen
schon. Sinnvoll ist es deshalb noch lange nicht immer. |
__________________________________
Autor und Copyright: Detlev Ackermann, Laufen-in-Koeln
|
|
|
|
 |
|