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Nach dem Zieleinlauf: Wie nachhaltig sind Laufveranstaltungen wirklich? |
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Medaillen, Becher, gesperrte Straßen und Tausende Gäste: Laufveranstaltungen erzeugen Begeisterung, Gemeinschaft und wirtschaftlichen Nutzen. Sie verbrauchen aber auch Ressourcen und beanspruchen öffentlichen Raum. Wie nachhaltig ein Lauf wirklich ist, entscheidet sich deshalb nicht nur am Müllsack hinter der letzten Verpflegungsstelle.
Am frühen Nachmittag erinnert nur noch wenig an das große Rennen. Die Absperrgitter werden abgebaut, Transporter verlassen das Veranstaltungsgelände, Helfer sammeln Becher, Bananenschalen und verlorene Sicherheitsnadeln ein. Auf dem Asphalt kleben zerdrückte Gelverpackungen, am Rand liegen einzelne Wärmefolien. Die meisten Teilnehmer sind längst auf dem Heimweg. Sie tragen ihre Medaille um den Hals und das gute Gefühl eines besonderen Tages mit sich.
Für den Veranstalter beginnt jetzt ein zweites Rennen. Die Strecke muss gereinigt, gemietetes Material zurückgegeben, Abfall getrennt und die Grünfläche wieder so hinterlassen werden, wie sie am Morgen vorgefunden wurde. Rechnungen treffen ein, Beschwerden werden beantwortet, Schäden dokumentiert und die ersten Gespräche über die nächste Austragung geführt.
Spätestens dann zeigt sich, was von einer Laufveranstaltung tatsächlich bleibt.
Es kann ein vorübergehender Müllberg sein. Es können aber auch Einnahmen für örtliche Vereine, ein neues Bewegungsangebot für Kinder, Aufträge für regionale Unternehmen und ein besseres Miteinander zwischen Sport, Verwaltung und Bevölkerung sein. Nachhaltigkeit beginnt deshalb nicht erst bei kompostierbaren Bechern. Sie umfasst ökologische, soziale und wirtschaftliche Folgen ebenso wie die Frage, ob ein Lauf dauerhaft in seine Stadt oder Region passt.
Der sichtbarste Müll ist nicht immer das größte Problem
Wenn über nachhaltige Laufveranstaltungen gesprochen wird, geht es häufig zuerst um Einwegbecher, Finisher-Shirts, Medaillen und Kunststoffverpackungen. Das ist verständlich. Der Abfall liegt unmittelbar vor Augen. Wer nach einem großen Straßenlauf durch eine Verpflegungszone geht, sieht Tausende zerdrückte Becher auf dem Boden.
Diese Bilder prägen die Wahrnehmung. Für die gesamte Klimawirkung einer Veranstaltung sind sie jedoch nicht zwangsläufig entscheidend.
Der Nachhaltigkeitsbericht des Berlin-Marathons 2024 kommt zu einem bemerkenswerten Ergebnis. Nach Berechnungen des Veranstalters entfielen 92 Prozent der erfassten Treibhausgasemissionen auf die Mobilität. Weitere sieben Prozent wurden Übernachtungen zugerechnet. Catering und Energieverbrauch spielten in der Bilanz mit 0,5 beziehungsweise 0,1 Prozent eine deutlich kleinere Rolle. Rund 89 Prozent der Emissionen entstanden dem Bericht zufolge durch Reisen von mehr als 1.000 Kilometern.
Die Zahlen zeigen, wo bei einem international besetzten Großereignis der wichtigste Hebel liegt. Ein recycelter Trinkbecher ist sinnvoll. Er kann die Flugreise eines Teilnehmers aus Übersee aber nicht ausgleichen.
Das bedeutet nicht, dass Abfallvermeidung unwichtig wäre. Sie ist sichtbar, organisatorisch beeinflussbar und häufig ein guter Einstieg in ein umfassenderes Nachhaltigkeitskonzept. Wer sich jedoch ausschließlich mit dem Material der Becher beschäftigt und die Anreise aus der Bilanz herauslässt, diskutiert möglicherweise über den kleineren Teil des Problems.
Auch der Berliner Bericht hat Grenzen. Die Logistik und der Transport von Waren konnten für 2024 nach Angaben des Veranstalters noch nicht vollständig erfasst werden. Zudem wurde die Bilanz vom Veranstalter selbst veröffentlicht. Sie liefert wertvolle Daten, sollte aber nicht mit einer vollständig unabhängigen wissenschaftlichen Untersuchung verwechselt werden.
Der Heimatlauf hat einen unterschätzten Vorteil
Für Läufer ergibt sich daraus eine einfache, aber unbequeme Erkenntnis: Die Wahl des Verkehrsmittels und die Entfernung zum Veranstaltungsort können ökologisch bedeutsamer sein als die Frage, ob im Ziel eine Medaille aus Holz oder Metall verteilt wird.
Der örtliche Zehn-Kilometer-Lauf, den man mit dem Fahrrad oder der Straßenbahn erreicht, kann deshalb eine deutlich günstigere Umweltbilanz haben als ein perfekt zertifizierter Marathon, für den eine Flugreise notwendig ist. Das kleinere Rennen besitzt vielleicht kein eigenes Nachhaltigkeitsmanagement, keinen umfangreichen Bericht und kein grünes Siegel. Trotzdem kann es durch kurze Wege, regionale Helfer und vorhandene Infrastruktur vergleichsweise ressourcenschonend sein.
Das ist kein Argument gegen internationale Marathonreisen. Für viele Läufer gehören besondere Städte und große Veranstaltungen zum Reiz des Sports. Wer jedoch mehrmals im Jahr zu Rennen fliegt, sollte sich bewusst sein, dass der größte Teil der persönlichen Klimawirkung wahrscheinlich nicht auf der Laufstrecke entsteht.
Ein Veranstalter kann dieses Problem nicht allein lösen. Er kann es aber beeinflussen. Dazu gehören Kombitickets für Bus und Bahn, sichere Fahrradabstellplätze, Kooperationen mit der Deutschen Bahn, Shuttleangebote von Bahnhöfen, eine Startzeit, die eine Anreise am selben Morgen ermöglicht, und eine verständliche Kommunikation über klimafreundliche Alternativen.
Beim Berlin-Marathon erhalten Teilnehmer und Helfer ein Ticket für den öffentlichen Nahverkehr. Zusätzlich bewirbt der Veranstalter Bahnangebote und stellt Fahrradparkplätze bereit. Gleichzeitig räumt er offen ein, dass die An- und Abreise von Teilnehmern und Zuschauern den mit Abstand größten Anteil der Emissionen verursacht.
Diese Offenheit ist wichtig. Nachhaltigkeit wird glaubwürdiger, wenn nicht nur Erfolge gezeigt, sondern auch die größten ungelösten Probleme benannt werden.
Weniger ausgeben, statt besser wegwerfen
Bei Abfall und Material lautet die wirksamste Reihenfolge nicht: sammeln, sortieren, recyceln. Sie beginnt früher.
Die erste Frage sollte lauten: Wird dieses Produkt überhaupt benötigt?
Viele Laufveranstaltungen geben weiterhin automatisch ein Funktionsshirt, einen Stoffbeutel, Werbematerial, Proben und eine Medaille aus. Ein Teil davon wird genutzt, ein anderer landet nach kurzer Zeit im Schrank oder im Müll. Selbst ein Produkt aus Recyclingmaterial benötigt Rohstoffe, Energie, Transport und Verpackung.
Eine freiwillig wählbare Medaille kann nachhaltiger sein als eine vermeintlich ökologische Medaille, die jeder erhält. Ein hochwertiges Shirt gegen Aufpreis kann sinnvoller sein als ein kostenloses Modell, das in großen Mengen produziert und kaum getragen wird. Digitale Teilnehmerinformationen ersetzen viele Ausdrucke. Wiederverwendbare Beschilderungen verhindern, dass jedes Jahr neue Banner und Wegweiser hergestellt werden müssen.
Auch bei der Verpflegung gilt: Erst vermeiden, dann wiederverwenden, anschließend recyceln.
Trinksysteme zum Nachfüllen können den Becherverbrauch senken, sind bei großen Teilnehmerfeldern jedoch nicht für jede Veranstaltung und jede Geschwindigkeit praktikabel. Mehrwegbecher wiederum müssen eingesammelt, transportiert und gereinigt werden. Papierbecher sind nicht automatisch unproblematisch, weil Beschichtungen ihre Verwertung erschweren können. Es gibt deshalb nicht die eine Lösung für jeden Lauf.
Der Berlin-Marathon ermöglicht das Nachfüllen eigener Trinksysteme und verwendet nach Angaben des Veranstalters Becher aus recyceltem Material. Gebrauchte Wärmefolien werden gesammelt, gepresst und an den Hersteller zurückgegeben. Bei der Austragung 2024 wurden laut Veranstaltungsbericht 43 Prozent des Abfalls recycelt. Außerdem kamen mehr als zehn Tonnen abgelegte Kleidung und fast 1.000 Paar Laufschuhe für eine Weiterverwendung zusammen.
Das sind konkrete Maßnahmen. Gleichzeitig zeigt eine Recyclingquote von 43 Prozent, dass auch ein großer und professionell organisierter Lauf noch erhebliches Verbesserungspotenzial besitzt.
Die Banane ist politischer, als sie aussieht
Catering wirkt auf den ersten Blick wie ein Nebenthema. Doch über die Auswahl von Lebensmitteln entscheiden Veranstalter auch über Abfall, Transportwege, Arbeitsbedingungen und regionale Wertschöpfung.
Müssen Äpfel und Bananen einzeln verpackt sein? Kommen Backwaren von einem örtlichen Betrieb oder aus einem überregionalen Großlager? Werden übrig gebliebene Lebensmittel weitergegeben? Gibt es vegetarische und vegane Angebote? Werden Helfer mit demselben Anspruch versorgt wie Sponsoren und Ehrengäste?
Das Bundesumweltministerium und das Umweltbundesamt nennen Mobilität, Beschaffung, Catering, Abfall, Energie, Wasser, Kommunikation und soziale Aspekte als zentrale Handlungsfelder nachhaltiger Veranstaltungen. Der Leitfaden richtet sich ausdrücklich auch an Sportveranstalter und betont, dass Umweltbelange und soziale Verträglichkeit frühzeitig in die Planung aufgenommen werden sollten.
Frühzeitig ist dabei das entscheidende Wort. Wer erst wenige Tage vor dem Lauf nach einer umweltfreundlicheren Alternative sucht, hat Lieferverträge, Mengen und Abläufe meist längst festgelegt. Nachhaltigkeit lässt sich nicht wie ein zusätzlicher Müllcontainer am Veranstaltungswochenende bestellen. Sie muss in Ausschreibungen, Lieferketten und Entscheidungen eingebaut sein.
Ein Lauf gehört nicht nur dem Veranstalter
Straßen, Parks, Waldwege und Plätze sind keine leeren Kulissen. Sie werden von Anwohnern, Spaziergängern, Radfahrern, Familien und anderen Sportlern genutzt. Eine Laufveranstaltung erhält zeitweise Vorrang, nimmt anderen Menschen aber für einige Stunden oder sogar Tage Raum.
Damit entsteht eine besondere Verantwortung.
Ein gut organisierter Lauf informiert frühzeitig über Sperrungen, hält Rettungswege frei, reduziert Lärm, schützt sensible Flächen und baut seine Infrastruktur zügig wieder ab. Er betrachtet die Stadt nicht als Bühne, die gegen eine Gebühr gemietet wird, sondern als Partnerin.
Wie konkret diese Verantwortung wird, zeigt das Beispiel Köln. Wer dort einen Volkslauf auf öffentlichem Straßenland veranstalten möchte, muss unter anderem Datum, Uhrzeit, Start, Ziel und Streckenführung angeben. Der Antrag soll in der Regel zwei Monate vor dem Lauf eingereicht werden. Je nach Größe werden eine Veranstalterhaftpflichtversicherung sowie ein Sanitäts- oder Rettungsdienst verlangt. Auf das Ruhebedürfnis der Bevölkerung ist ausdrücklich Rücksicht zu nehmen.
Für Veranstaltungen in Parks, Grünanlagen und auf Waldflächen ist ebenfalls eine Genehmigung notwendig. Diese wird mit verschiedenen Ämtern und der Polizei abgestimmt. Die Stadt verlangt, dass ein Antrag mindestens vier Wochen vor dem Termin gestellt wird.
Solche Verfahren werden von Veranstaltern mitunter als Bürokratie empfunden. Sie haben jedoch einen nachvollziehbaren Zweck. Laufveranstaltungen konkurrieren mit Erholung, Naturschutz, Verkehr, Gottesdiensten, Wochenmärkten und anderen Veranstaltungen. Eine Genehmigung soll diese Interessen abwägen.
Kommunen können über ihre Auflagen zugleich nachhaltige Veränderungen anstoßen. Denkbar sind verbindliche Abfallkonzepte, Schutzmaßnahmen für Grünflächen, Vorgaben zur Anreise, Begrenzungen für Aufbauten, Mehrweglösungen oder der Nachweis, dass Beschwerden aus dem Vorjahr bearbeitet wurden.
Dabei ist Augenmaß nötig. Anforderungen, die ein internationaler Marathon erfüllen kann, dürfen nicht ungeprüft auf einen ehrenamtlich organisierten Vereinslauf mit 300 Teilnehmern übertragen werden. Nachhaltigkeit darf nicht dazu führen, dass kleine gemeinnützige Veranstaltungen an Dokumentationspflichten scheitern, während große kommerzielle Anbieter eigene Fachabteilungen beschäftigen können.
Nachhaltigkeit braucht Verlässlichkeit
Ein Lauf ist auch dann nicht nachhaltig, wenn er nach zwei Jahren wieder verschwindet, weil Helfer ausgebrannt sind, Kosten unterschätzt wurden oder das Verhältnis zur Kommune zerstört wurde.
Der Deutsche Leichtathletik-Verband empfiehlt Veranstaltern in seinem Organisationsleitfaden 2026, frühzeitig Kontakt zum zuständigen Landesverband, zur Gemeinde, zum Ordnungsamt, zur Polizei, zum Forstamt und weiteren Stellen aufzunehmen. Für die Strecke sollen Gefahrenpunkte beschrieben, Helfer und Sanitätskräfte eingeplant sowie Rettungswege dargestellt werden. Anmeldung und sportrechtliche Genehmigung erfolgen über den zuständigen Landesverband.
Diese Struktur betrifft zunächst Sicherheit, Wettkampfregeln und Organisation. Sie besitzt aber auch eine nachhaltige Dimension. Eine frühzeitige Terminabstimmung kann Konflikte zwischen Veranstaltungen reduzieren. Beratung verhindert vermeidbare Fehler. Gemeinsame Standards schützen Teilnehmer und Helfer. Vereine, Verbände, Kommunen und Veranstalter müssen nicht jedes Problem neu erfinden.
Gerade die deutsche Laufszene ist über Jahrzehnte durch Vereine und ehrenamtliches Engagement gewachsen. Strecken wurden vermessen, Ergebnisdienste aufgebaut, Wettkampfregeln entwickelt und lokale Veranstaltungskalender abgestimmt. Kommerzielle Veranstalter können diese gewachsene Laufkultur bereichern. Nachhaltig wird ihr Angebot aber erst dann, wenn es nicht nur Teilnehmer und Umsätze aus einer bestehenden Szene abschöpft, sondern auch etwas in diese Struktur zurückgibt.
Das kann durch die Einbindung örtlicher Vereine, faire Vergütungen, Nachwuchsläufe, gemeinsame Terminplanung, die Nutzung ausgebildeter Kampfrichter oder Investitionen in lokale Laufangebote geschehen.
Ein Lauf, der am Montag nach der Veranstaltung keine Beziehung mehr zur Region besitzt, hinterlässt möglicherweise weniger, als seine Teilnehmerzahl vermuten lässt.
Ehrenamt ist keine kostenlose Ressource
Ohne Helfer gibt es kaum einen Straßenlauf. Sie geben Startnummern aus, sichern Kreuzungen, reichen Getränke, betreuen Kleiderbeutel und stehen oft schon im Dunkeln auf dem Veranstaltungsgelände.
In Nachhaltigkeitsberichten wird ehrenamtliches Engagement gern als sozialer Mehrwert aufgeführt. Das ist berechtigt, solange Helfer nicht lediglich als kostenlose Arbeitskräfte betrachtet werden.
Eine nachhaltige Helferstruktur braucht verlässliche Einsatzzeiten, Verpflegung, geeignete Kleidung, klare Zuständigkeiten, Schulung und Anerkennung. Niemand sollte zwölf Stunden im Regen stehen, weil der Personalbedarf schöngerechnet wurde. Auch Vereine müssen transparent erfahren, wofür sie ihre Mitglieder bereitstellen und welche Gegenleistung sie erhalten.
Beim Berlin-Marathon waren 2024 nach Angaben einer gemeinsam mit der Berliner Sportverwaltung veröffentlichten Evaluation rund 6.000 Helfer beteiligt. Die Untersuchung nennt außerdem Angebote für Rollstuhlfahrer, Handbiker, Teilnehmer mit Guides und Menschen mit Behinderung.
Das macht deutlich, warum Nachhaltigkeit mehr als Klimaschutz bedeutet. Eine Veranstaltung kann ökologisch ambitioniert sein und gleichzeitig an Barrierefreiheit, fairer Bezahlung oder Teilhabe scheitern. Ebenso kann ein sozial wertvoller Lauf beim Abfall- und Verkehrsmanagement erheblichen Nachholbedarf besitzen.
Teilhabe beginnt vor der Startlinie
Startgelder steigen. Das ist angesichts höherer Ausgaben für Sicherheit, Verkehr, Personal, Material und Dienstleistungen nachvollziehbar. Dennoch stellt sich die Frage, wer sich eine Teilnahme künftig noch leisten kann.
Soziale Nachhaltigkeit bedeutet, den Laufsport nicht vollständig in ein hochpreisiges Erlebnisprodukt zu verwandeln. Kinderläufe, vergünstigte Startplätze, inklusive Wettbewerbe und Angebote für Schulen oder soziale Einrichtungen können Zugänge schaffen. Ebenso wichtig sind barrierefreie Veranstaltungsflächen, verständliche Informationen und eine Startorganisation, die Menschen mit unterschiedlichen Voraussetzungen berücksichtigt.
Beim Berlin-Marathon gehören Bambini-Läufe, ein Mini-Marathon für Schüler sowie Kooperationen mit dem Behindertensport und Special Olympics zum sozialen Programm. Der Veranstalter berichtet zudem von regionalen Aufträgen und der Weitergabe gesammelter Kleidung an die Berliner Stadtmission.
Solche Projekte sind wertvoll. Sie sollten jedoch nicht nur als Begleitkommunikation dienen. Entscheidend ist, ob sie dauerhaft finanziert, überprüft und weiterentwickelt werden.
Eine einzelne Spendenaktion macht noch keine sozial nachhaltige Veranstaltung. Ebenso wenig wird ein Lauf allein durch einen Kinderwettbewerb zum Gewinn für die Region. Die Frage lautet immer: Was verändert sich langfristig?
Große Rennen bringen Geld in die Stadt
Laufveranstaltungen verursachen Kosten und Einschränkungen, sie schaffen aber auch wirtschaftlichen Nutzen. Teilnehmer übernachten, besuchen Restaurants, nutzen den Nahverkehr und kaufen ein. Dienstleister, Sicherheitsunternehmen, Messebauer und Gastronomiebetriebe erhalten Aufträge.
Eine Evaluation des Berlin-Marathons 2024 bezifferte die gesamte direkte und indirekte Wertschöpfung auf 469,4 Millionen Euro. Grundlage waren unter anderem Ausgaben des Veranstalters, der Teilnehmer und ihrer Begleitpersonen. 71 Prozent der Teilnehmer reisten laut Untersuchung von außerhalb Berlins an, für 94 Prozent von ihnen war der Marathon der Hauptgrund des Besuchs.
Solche Zahlen zeigen, warum Städte große Rennen unterstützen. Sie müssen trotzdem vorsichtig interpretiert werden. Die Evaluation wurde von SCC Events und der Berliner Senatsverwaltung herausgegeben und von Nielsen Sports erstellt. Wirtschaftliche Folgeeffekte hängen stark von Annahmen und Berechnungsmethoden ab. Der Veranstalter ist zugleich Auftraggeber und Profiteur einer positiven Bewertung.
Eine glaubwürdige Nachhaltigkeitsbilanz sollte daher nicht nur die Wertschöpfung nennen, sondern auch öffentliche Leistungen berücksichtigen. Dazu gehören Polizeieinsätze, Straßensperrungen, Reinigung, Verwaltung, Nutzung öffentlicher Flächen und mögliche Belastungen für Anwohner oder andere Gewerbetreibende.
Erst wenn Nutzen und Aufwand transparent nebeneinanderstehen, lässt sich beurteilen, was eine Veranstaltung einer Stadt tatsächlich bringt.
Frankfurt zeigt, dass Veränderung Zeit braucht
Der Frankfurt-Marathon beschäftigt sich nach eigenen Angaben bereits seit 2005 systematisch mit umweltfreundlicher Veranstaltungsorganisation. Dabei arbeitet das Organisationsteam mit dem Umweltforum Rhein-Main und dem Umweltamt der Stadt zusammen. 2014 erhielt der Marathon von der internationalen Straßenlaufvereinigung AIMS einen „Green Award“.
Interessant ist weniger die Auszeichnung selbst als der lange Zeitraum. Nachhaltigkeit ist kein Projekt für eine Austragung. Abläufe müssen getestet, Lieferanten überzeugt, Kosten bewertet und Teilnehmer an neue Systeme gewöhnt werden.
Nicht jede Maßnahme funktioniert sofort. Mehrwegbecher können an engen Verpflegungsstellen logistische Probleme verursachen. Eine rein digitale Kommunikation erreicht möglicherweise nicht alle Teilnehmer. Der Verzicht auf Kleiderbeutel kann die Organisation erschweren. Regionale Produkte sind nicht automatisch in ausreichender Menge verfügbar.
Gute Veranstalter veröffentlichen deshalb nicht nur Ziele, sondern auch Messwerte und Rückschläge. Sie vergleichen Austragungen miteinander und erklären, warum bestimmte Werte gestiegen oder gesunken sind.
Ein Zertifikat ist ein Anfang, kein Freispruch
Mit der ISO 20121 existiert ein internationaler Standard für nachhaltiges Veranstaltungsmanagement. Die aktuelle Fassung stammt aus dem Jahr 2024 und soll Organisationen dabei unterstützen, ökologische, soziale und wirtschaftliche Gesichtspunkte systematisch in Planung und Durchführung einzubeziehen.
World Athletics hat zusätzlich den Standard „Athletics for a Better World“ entwickelt. Er bewertet Veranstaltungen in 55 Handlungsfeldern. Dazu gehören Beschaffung, Abfall, Energie, Wasser, Verpflegung, Reisen, Unterbringung, Vielfalt, Barrierefreiheit, Mitarbeitende, Helfer und verantwortliche Unternehmensführung. Für eigene Veranstaltungen des Weltverbandes werden entsprechende Zielstufen ab der zweiten Jahreshälfte 2026 vertraglich vorgeschrieben.
Der Berlin-Marathon wird von World Athletics aktuell als Straßenlauf mit der höchsten Stufe „Platinum“ geführt. Seine Veranstaltungsplanung ist zudem seit 2024 nach ISO 20121 zertifiziert.
Solche Standards schaffen Strukturen und zwingen Veranstalter dazu, Zuständigkeiten, Ziele und Daten festzulegen. Sie verhindern aber nicht automatisch hohe Emissionen. Ein internationaler Großlauf kann hervorragend organisiert und zertifiziert sein und aufgrund seiner weltweiten Anziehungskraft dennoch einen sehr großen CO₂-Fußabdruck besitzen.
Das ist kein Widerspruch. Ein Zertifikat bewertet vor allem, wie systematisch ein Veranstalter mit seinen Auswirkungen umgeht. Es bedeutet nicht, dass keine negativen Auswirkungen mehr existieren.
Problematisch wird es, wenn das Siegel in der Werbung wie ein ökologischer Freispruch verwendet wird.
Wie Läufer Greenwashing erkennen
Teilnehmer müssen keinen Nachhaltigkeitsbericht mit 50 Seiten lesen, um die Glaubwürdigkeit eines Laufes einzuschätzen. Einige Fragen reichen für einen ersten Eindruck:
Veröffentlicht der Veranstalter konkrete Zahlen? „Wir laufen grün“ ist eine Werbeaussage. Angaben zu Anreise, Abfallmengen, Materialverbrauch und Recyclingquoten sind überprüfbarer.
Wird die Anreise berücksichtigt? Eine Klimabilanz ohne Teilnehmerverkehr lässt bei vielen Großveranstaltungen den wichtigsten Bereich aus.
Werden Produkte vermieden oder nur ausgetauscht? Ein Beutel aus recyceltem Kunststoff bleibt ein zusätzlicher Beutel. Wirkliche Ressourcenschonung beginnt bei der Frage, ob er benötigt wird.
Ist die Maßnahme dauerhaft angelegt? Eine einmalige Baumpflanzaktion ersetzt kein konsequentes Mobilitäts- und Beschaffungskonzept.
Wer hat die Bilanz erstellt? Ein Veranstalterbericht kann seriös sein. Seine Herkunft und Berechnungsmethode sollten dennoch klar erkennbar sein.
Was bleibt vor Ort? Profitieren Vereine, Schulen, Helfer, soziale Projekte und regionale Unternehmen oder endet die Beziehung zur Stadt mit dem Abbau der Ziellinie?
Wer kann teilnehmen? Barrierefreiheit, faire Startbedingungen und erschwingliche Angebote gehören ebenso zur Nachhaltigkeit wie Mülltrennung.
Eine Untersuchung unter Marathonläufern in Deutschland zeigte bereits 2021, dass ökologische Maßnahmen zwar nicht zu den wichtigsten Kriterien bei der Auswahl eines Marathons gehörten, aber durchaus wahrgenommen wurden. Organisation, Atmosphäre und Streckenattraktivität spielten eine größere Rolle. Zugleich erklärte ein erheblicher Teil der deutschsprachigen Befragten, für weniger Plastik, bessere Abfalltrennung oder ökologische Produkte einen höheren Beitrag akzeptieren zu können. Die Stichprobe war allerdings überwiegend männlich und nicht repräsentativ für alle Läufer in Deutschland.
Auch kleine Läufe brauchen eine Strategie
Nachhaltigkeitsstandards klingen häufig nach großen Stadtmarathons. Die wichtigsten Entscheidungen gelten aber ebenso für einen Vereinslauf mit 500 Teilnehmern.
Ein kleiner Veranstalter benötigt keine umfangreiche CO₂-Bilanz, um sinnvoll zu handeln. Er kann die Anmeldung papierlos organisieren, Medaillen optional anbieten, regionale Lieferanten nutzen, übrig gebliebene Lebensmittel weitergeben und auf jedes automatisch verteilte Werbegeschenk verzichten. Er kann Teilnehmer frühzeitig über Bus, Bahn und Fahrradwege informieren. Er kann seine Strecke so planen, dass sensible Naturbereiche geschont und Anwohner möglichst wenig belastet werden.
Vor allem kann er ehrlich kommunizieren.
Ein Vereinslauf muss sich nicht als „klimaneutral“ bezeichnen, nur weil ein Betrag für ein Ausgleichsprojekt überwiesen wurde. Der Begriff erweckt schnell den Eindruck, die Veranstaltung habe keine Klimawirkung mehr. Glaubwürdiger wäre: „Wir haben in diesem Jahr 30 Prozent weniger Einwegbecher verbraucht und wollen den Anteil der mit dem Auto anreisenden Teilnehmer erfassen.“
Konkrete Fortschritte sind überzeugender als große Etiketten.
Eine Medaille kann mehr bedeuten als Material
Nachhaltigkeitsdebatten laufen Gefahr, den emotionalen Wert einer Veranstaltung zu unterschätzen. Eine Medaille ist nicht nur Metall. Ein Stadtmarathon ist nicht nur eine Emissionsquelle. Ein Volkslauf ist nicht nur eine zeitweise blockierte Straße.
Läufe motivieren Menschen zum Training, schaffen Begegnungen und können eine ganze Region bewegen. Kinder erleben ihren ersten Wettkampf. Erwachsene entdecken nach Jahren wieder Freude an Bewegung. Vereine gewinnen Mitglieder. Helfer erleben Gemeinschaft. Zuschauer begegnen Spitzensport und Breitensport auf derselben Strecke.
Auch das ist eine Wirkung, die bleibt.
Die Aufgabe besteht deshalb nicht darin, Laufveranstaltungen möglichst klein, unsichtbar und freudlos zu machen. Es geht darum, ihre positiven Wirkungen zu erhalten und die vermeidbaren Belastungen zu verringern.
Ein nachhaltiger Lauf muss nicht auf Stimmung, Medaillen oder sportliche Ambitionen verzichten. Er sollte aber erklären können, warum er bestimmte Produkte ausgibt, wie Menschen anreisen, wer von der Veranstaltung profitiert und wie mit dem öffentlichen Raum umgegangen wird.
Was nach dem Zieleinlauf wirklich zählen sollte
Am Ende entscheidet sich die Qualität einer Laufveranstaltung nicht allein daran, wie schnell die Sieger waren oder wie viele Startplätze verkauft wurden.
Ein guter Lauf hinterlässt eine saubere Strecke. Ein nachhaltiger Lauf hinterlässt mehr.
Er stärkt örtliche Vereine, behandelt Helfer fair, nimmt Rücksicht auf Anwohner und schützt die genutzten Flächen. Er ermöglicht Teilhabe, vergibt Aufträge möglichst verantwortungsvoll und misst seine wichtigsten Auswirkungen. Er verspricht nicht, perfekt zu sein, sondern zeigt nachvollziehbar, was besser geworden ist und was noch nicht gelingt.
Die Medaille darf glänzen. Der Veranstalter darf Geld verdienen. Die Stadt darf von Gästen profitieren. All das gehört zu einem erfolgreichen Lauf.
Aber wenn die letzten Gitter abgebaut sind, sollte nicht nur eine Rechnung übrig bleiben.
Im besten Fall bleibt eine Veranstaltung zurück, auf die sich Läufer, Vereine, Helfer, Anwohner und die Kommune auch im nächsten Jahr wieder freuen können.
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Autor und Copyright: Detlev Ackermann, Laufen-in-Koeln
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