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RED-S bei jungen Läuferinnen: Warum Wissen allein nicht genügt
 
 
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05.08.2026  

 
 

 
Zu wenig Energie kann zunächst wie sportlicher Ehrgeiz aussehen. Die Läuferin wird leichter, trainiert diszipliniert und verbessert vielleicht sogar kurzfristig ihre Zeiten. Erst später folgen Müdigkeit, Zyklusstörungen oder Knochenprobleme. Eine neue Übersichtsarbeit zeigt: Aufklärung ist wichtig, verändert aber noch lange nicht die Bedingungen, unter denen junge Sportlerinnen essen, trainieren und Leistung bringen sollen.
 
Es beginnt selten mit einer bewussten Entscheidung gegen die eigene Gesundheit.
 
Eine junge Läuferin kommt direkt aus der Schule zum Training. Für ein richtiges Mittagessen blieb keine Zeit. Vor der Einheit möchte sie nichts Schweres essen, danach ist es spät und der Appetit gering. Am nächsten Morgen wartet schon der nächste Dauerlauf. Am Wochenende kommt ein Wettkampf hinzu.
 
Vielleicht verzichtet sie außerdem auf bestimmte Lebensmittel, weil diese in sozialen Netzwerken als ungesund gelten. Vielleicht hat jemand beiläufig erwähnt, dass ein geringeres Körpergewicht beim Laufen von Vorteil sein könne. Vielleicht möchte sie gar nicht abnehmen, unterschätzt aber schlicht, wie viel Energie Schule, Wachstum und Training zusammen benötigen.
 
Tag für Tag entsteht eine kleine Lücke zwischen Energieaufnahme und Energieverbrauch. Das Körpergewicht muss dabei nicht dramatisch sinken. Die sportliche Leistung kann anfangs sogar stabil bleiben. Der Körper versucht, mit dem verfügbaren Brennstoff auszukommen.
 
Doch Energie, die im Training verbraucht wird, fehlt möglicherweise an anderer Stelle.
 
Genau darum geht es beim relativen Energiedefizit im Sport, kurz RED-S. Der Begriff beschreibt gesundheitliche und sportliche Folgen, die entstehen können, wenn dem Körper nach Abzug der Trainingsbelastung dauerhaft zu wenig Energie für grundlegende Funktionen bleibt. Das Defizit kann absichtlich entstehen, etwa durch eine restriktive Ernährung. Häufig entwickelt es sich jedoch unbeabsichtigt, weil hoher Trainingsumfang, unregelmäßige Mahlzeiten und der zusätzliche Bedarf des wachsenden Körpers unterschätzt werden.
 
Gerade bei jungen Läuferinnen kann das schwerwiegende Folgen haben. Trotzdem reicht es offenbar nicht aus, ihnen lediglich zu erklären, dass sie mehr essen müssen.
 
Wenn Essen nicht mit dem Training Schritt hält
 
Der Körper benötigt Energie nicht nur für das Laufen. Er braucht sie für Gehirn, Kreislauf, Immunsystem, Wärmeregulation, Hormone, Reparaturprozesse und Wachstum. Bei Jugendlichen kommt hinzu, dass Knochen, Muskulatur und Organe noch in Entwicklung sind.
 
Die Energieverfügbarkeit beschreibt vereinfacht, wie viel Energie nach Berücksichtigung des Trainings noch für diese Aufgaben übrig bleibt. Sie ist nicht identisch mit der klassischen Kalorienbilanz. Eine Sportlerin kann ihr Gewicht über längere Zeit halten und dennoch Anzeichen einer energetischen Unterversorgung entwickeln. Anpassungen des Stoffwechsels können dazu führen, dass der Körper seinen Verbrauch senkt und Ressourcen spart. Deshalb gelten ein stabiles Gewicht oder ein unauffälliger Body-Mass-Index nicht als zuverlässiger Beweis für eine ausreichende Versorgung.
 
RED-S betrifft grundsätzlich Sportlerinnen und Sportler. Bei jungen Frauen sind einige Folgen jedoch besonders gut untersucht. Dazu gehören Störungen der Menstruationsfunktion, Beeinträchtigungen des Knochenaufbaus und ein erhöhtes Risiko für Knochenstressverletzungen. Die breitere RED-S-Systematik nennt darüber hinaus mögliche Auswirkungen auf Stoffwechsel, psychisches Wohlbefinden und sportliche Leistungsfähigkeit. Für manche dieser erweiterten Zusammenhänge ist die wissenschaftliche Beweislage allerdings weniger stark als für Menstruations- und Knochengesundheit.
 
Die Fachwelt verwendet deshalb weiterhin zwei verwandte Modelle. RED-S beschreibt ein breites Syndrom, das alle Geschlechter einschließt. Die sogenannte Female Athlete Triad konzentriert sich auf das Zusammenspiel von Energiestatus, Menstruationsfunktion und Knochengesundheit. Eine Ende 2025 veröffentlichte Aktualisierung der Triad-Leitlinien führte erstmals ein eigenes Modell für jugendliche Sportlerinnen ein.
 
Für Trainer und Eltern ist die theoretische Bezeichnung weniger entscheidend als die praktische Botschaft: Eine junge Läuferin kann zu wenig Energie zur Verfügung haben, bevor sie sichtbar untergewichtig ist oder ihre Leistung vollständig einbricht.
 
Warum Jugendliche besonders verletzlich sind
 
Jugendliche sind keine kleineren Erwachsenen. Ihr Körper soll gleichzeitig wachsen, sich an Training anpassen und sich von Belastungen erholen.
 
Gerade während der Pubertät wird ein erheblicher Teil der späteren Knochenmasse aufgebaut. Wird dieser Prozess durch eine länger anhaltende Energieunterversorgung und hormonelle Veränderungen beeinträchtigt, kann eine wichtige Entwicklungsphase verloren gehen. Die aktualisierten Triad-Leitlinien warnen deshalb bei jugendlichen Sportlerinnen unter anderem vor verzögerter erster Menstruation, ausbleibenden oder seltenen Blutungen, eingeschränktem Knochenaufbau und niedrigerer maximal erreichter Knochenmasse. Ob verloren gegangene Knochendichte später vollständig zurückgewonnen werden kann, ist nicht sicher.
 
Hinzu kommt die mechanische Belastung des Laufens. Jeder Schritt setzt Knochen wiederholten Kräften aus. Normalerweise reagiert das Skelett darauf mit Anpassung und Stärkung. Fehlen jedoch Energie, Baustoffe und ausreichende Regeneration, können sich kleine Schäden schneller ansammeln, als der Körper sie repariert.
 
Bei jugendlichen Läuferinnen treffen damit zwei Prozesse aufeinander: ein noch nicht abgeschlossener Knochenaufbau und ein Sport mit Tausenden gleichförmigen Belastungszyklen.
 
Die aktualisierten Leitlinien beziehen sich auf prospektive Untersuchungen, in denen Menstruationsunregelmäßigkeiten und eine niedrige Knochendichte mit einer höheren Verletzungsrate bei jugendlichen Sportlerinnen und Distanzläuferinnen verbunden waren. Solche Beobachtungsdaten beweisen nicht, dass jedes Ausbleiben der Menstruation unmittelbar eine Verletzung verursacht. Sie zeigen aber, weshalb wiederkehrende Knochenbeschwerden und Zyklusveränderungen ernst genommen werden müssen.
 
Die neue Übersichtsarbeit: Wissen steigt fast immer
 
Eine im April 2026 veröffentlichte Scoping Review untersuchte, was Ernährungsprogramme bei jugendlichen Sportlerinnen tatsächlich bewirken. Die Forschenden durchsuchten vier wissenschaftliche Datenbanken nach Interventionen, in denen Themen wie niedrige Energieverfügbarkeit, RED-S oder die Female Athlete Triad vermittelt wurden. Von ursprünglich mehr als 1.500 Treffern erfüllten nur sieben Studien alle Einschlusskriterien.
 
Die Programme waren sehr unterschiedlich. Einige bestanden aus Unterrichtseinheiten, Arbeitsheften und Videos. Andere kombinierten Gruppenschulungen mit praktischen Übungen, Kochkursen oder persönlicher Ernährungsberatung. Fünf der sieben Programme wurden von Ernährungsfachkräften entwickelt oder durchgeführt. Nur wenige nutzten digitale Angebote oder anerkannte Modelle zur dauerhaften Verhaltensänderung.
 
Das zunächst erfreuliche Ergebnis: In allen sieben Studien nahm das Wissen über Sporternährung, Energieverfügbarkeit oder die Triad unmittelbar nach der Schulung zu.
 
Die jungen Sportlerinnen konnten anschließend besser erklären, weshalb ausreichende Energie, Kohlenhydrate, Eiweiß, Calcium oder Eisen wichtig sind. Sie erkannten gesundheitliche Risiken häufiger und wussten eher, was Begriffe wie Energieverfügbarkeit oder Menstruationsstörung bedeuten.
 
Besonders gut angenommen wurden kürzere Programme, persönliche Schulungen durch Ernährungsfachkräfte und Angebote, die mehrere Bestandteile miteinander verbanden. Bei solchen Formaten lagen die Teilnahmequoten häufig bei mindestens 80 Prozent. Praktische und interaktive Methoden schienen für Jugendliche geeigneter zu sein als eine reine Informationsvermittlung.
 
Damit könnte man die Sache für erledigt halten: Die jungen Läuferinnen wussten nach der Schulung mehr. Also müssten sie anschließend auch besser essen.
 
Doch genau dieser zweite Schritt wurde nur selten nachgewiesen.
 
Die entscheidenden Daten fehlen
 
Nur wenige der eingeschlossenen Studien untersuchten, ob sich nach der Aufklärung die tatsächliche Energieverfügbarkeit veränderte. Auch langfristige Entwicklungen von Menstruationsfunktion, Knochengesundheit, Verletzungen oder sportlicher Leistung wurden kaum erfasst.
 
Die meisten Untersuchungen endeten kurz nach der Intervention. Selbst dort, wo Nachkontrollen stattfanden, reichten sie häufig nur wenige Wochen oder höchstens drei Monate über das Programm hinaus. Die Messmethoden unterschieden sich stark, weshalb sich die Ergebnisse nur eingeschränkt vergleichen ließen.
 
Einige Programme zeigten Veränderungen bei Ernährungsgewohnheiten oder Körperzusammensetzung. Beispielsweise stieg in einzelnen Untersuchungen die Aufnahme calciumreicher Lebensmittel. In einem länger laufenden Programm nahmen Körpergewicht und fettfreie Masse zu. Solche Befunde stammen jedoch jeweils aus wenigen Studien und lassen keine allgemeingültige Aussage darüber zu, welches Programm RED-S zuverlässig verhindert.
 
Die Übersichtsarbeit zeigt damit eine typische Lücke der Präventionsforschung: Wissen lässt sich relativ leicht mit einem Fragebogen messen. Eine nachhaltige Veränderung des Alltags ist wesentlich schwieriger nachzuweisen.
 
Die Autorinnen und Autoren erklärten keine Interessenkonflikte. Die Arbeit wurde über ein staatliches indonesisches Bildungsstipendium für die Erstautorin unterstützt. Auch methodisch hat die Übersicht Grenzen. Nur englischsprachige Veröffentlichungen wurden einbezogen, und die erste Auswahl sowie die Datenextraktion erfolgten jeweils durch eine einzelne Person, bevor weitere Autoren die Ergebnisse überprüften.
 
Warum Information allein nicht reicht
 
Eine junge Sportlerin kann genau wissen, dass sie nach dem Training essen sollte, und trotzdem ohne Mahlzeit nach Hause fahren.
 
Vielleicht endet das Training um 20 Uhr, der Schulweg war lang und am nächsten Morgen beginnt der Unterricht früh. Vielleicht gibt es in der Halle oder am Sportplatz keine geeigneten Lebensmittel. Vielleicht fehlt ihr Geld, Zeit oder Unterstützung beim Einkaufen und Zubereiten. Vielleicht fühlt sie sich nach intensiven Einheiten zunächst nicht hungrig.
 
Wissen beseitigt keine organisatorischen Hindernisse.
 
Auch die soziale Umgebung spielt eine große Rolle. Eine Athletin kann in einer Schulung lernen, dass Gewichtsverlust gesundheitliche Risiken birgt. Wenn anschließend im Training leichte Körper gelobt, Gewichtszunahmen kommentiert oder Essensentscheidungen bewertet werden, konkurriert die wissenschaftliche Botschaft mit der Kultur ihres unmittelbaren Umfelds.
 
Die aktuelle Übersichtsarbeit verweist deshalb ausdrücklich auf soziale Normen, Gleichaltrige, Eltern und Trainingsumgebung. Sie empfiehlt, künftige Programme nicht nur an die jungen Sportlerinnen zu richten, sondern Eltern und Trainer einzubeziehen.
 
Ernährungswissen ist außerdem nicht dasselbe wie die Fähigkeit, dieses Wissen unter Stress anzuwenden. Zu wissen, dass vor dem Training Kohlenhydrate sinnvoll sind, beantwortet noch nicht die praktische Frage, was zwischen Schulschluss und Training gegessen werden kann, ohne Magenprobleme zu verursachen.
 
Eine wirksame Schulung muss deshalb konkreter werden: Welche Snacks lassen sich mitnehmen? Was kann in der Pause gegessen werden? Wie sieht die Versorgung an Wettkampftagen aus? Wer sorgt bei Auswärtsfahrten für Lebensmittel? Was geschieht, wenn eine Athletin morgens keinen Appetit hat?
 
Erst wenn aus Wissen eine umsetzbare Routine wird, verändert sich der Alltag.
 
RED-S beginnt nicht immer mit einer Essstörung
 
Bei dem Thema besteht die Gefahr, jede Energieunterversorgung sofort mit einer Essstörung gleichzusetzen. Das wäre falsch und könnte verhindern, dass junge Menschen offen über ihre Schwierigkeiten sprechen.
 
Ein Defizit kann gezielt entstehen, wenn eine Sportlerin Gewicht verlieren möchte oder ihr Essen stark kontrolliert. Es kann aber ebenso unbeabsichtigt sein. Jugendliche haben häufig wechselnde Stundenpläne, Wachstumsschübe, Trainingseinheiten und Wettkämpfe. Der Energiebedarf verändert sich, ohne dass die Mahlzeiten automatisch mitwachsen.
 
Auch bestimmte Ernährungstrends können unbeabsichtigt zu einer Unterversorgung beitragen. Wer zahlreiche Lebensmittelgruppen streicht, sehr ballaststoffreich isst oder Mahlzeiten durch vermeintlich besonders „saubere“ und energiearme Produkte ersetzt, erreicht möglicherweise schnell ein Sättigungsgefühl, ohne ausreichend Energie aufzunehmen.
 
Eine problematische Energieunterversorgung und eine klinische Essstörung sind deshalb nicht dasselbe. Sie können jedoch gemeinsam auftreten. Liegen ausgeprägte Ängste vor Gewichtszunahme, zwanghafte Regeln, Essanfälle, Erbrechen oder ein starker Drang zu zusätzlichem Training vor, reicht eine allgemeine Ernährungsberatung nicht aus.
 
Die aktuellen klinischen Leitlinien empfehlen bei mittlerem oder hohem Risiko eine koordinierte Betreuung durch Sportmedizin, qualifizierte Ernährungsberatung und bei Verdacht auf gestörtes Essverhalten zusätzlich psychologische oder psychiatrische Fachkräfte.
 
Die Menstruation ist kein lästiges Trainingshindernis
 
Noch immer wird eine ausbleibende Menstruation in Ausdauersportarten gelegentlich als Zeichen besonders harten Trainings betrachtet. Manche junge Läuferinnen glauben, ein unregelmäßiger Zyklus gehöre im Leistungssport einfach dazu.
 
Das ist eine gefährliche Normalisierung.
 
Die Menstruation ist kein überflüssiger Vorgang, den der Körper bei ausreichend Training sinnvollerweise abschaltet. Bleibt sie aus, kann dies ein Hinweis darauf sein, dass Energieversorgung, Hormonsystem oder andere medizinische Faktoren nicht im Gleichgewicht sind.
 
Allerdings darf auch hier nicht vorschnell diagnostiziert werden. Menstruationsunregelmäßigkeiten können verschiedene Ursachen haben, darunter Schilddrüsenerkrankungen, das polyzystische Ovarialsyndrom, Schwangerschaft oder andere hormonelle Störungen. Die aktuellen Leitlinien empfehlen deshalb bei ausbleibender oder deutlich unregelmäßiger Menstruation eine ärztliche Anamnese, Untersuchung und gegebenenfalls Labordiagnostik.
 
Gerade in den ersten Jahren nach der ersten Menstruation können Zyklen noch unregelmäßig sein. Das bedeutet aber nicht, dass monatelanges Ausbleiben ohne Abklärung bleiben sollte, insbesondere wenn gleichzeitig Gewichtsverlust, wiederkehrende Verletzungen oder ein hoher Trainingsumfang vorliegen.
 
Trainer sollten nicht selbst diagnostizieren. Sie sollten jedoch eine Umgebung schaffen, in der eine junge Sportlerin das Thema ansprechen kann, ohne sich zu schämen oder um ihren Platz in der Mannschaft fürchten zu müssen.
 
Knochenprobleme sind häufig das erste unübersehbare Zeichen
 
Müdigkeit lässt sich mit einer anstrengenden Schulwoche erklären. Leistungsstagnation kann vom Wetter kommen. Stimmungsschwankungen werden schnell der Pubertät zugeschrieben.
 
Eine Knochenstressverletzung lässt sich irgendwann nicht mehr übersehen.
 
Typisch ist ein zunehmend lokaler Schmerz, der zunächst nur beim Laufen auftritt. Später kann er bereits beim Gehen oder in Ruhe spürbar werden. Wird weitertrainiert, kann aus einer frühen Überlastungsreaktion ein Ermüdungsbruch entstehen.
 
Nicht jede Knochenstressverletzung ist auf RED-S zurückzuführen. Trainingssteigerungen, Laufuntergrund, biomechanische Belastungen und frühere Verletzungen spielen ebenfalls eine Rolle. Wiederkehrende Verletzungen oder Schäden an besonders problematischen Knochenstellen sollten jedoch Anlass geben, nicht nur den Trainingsplan, sondern auch Energieversorgung, Menstruationsgeschichte und Knochengesundheit zu untersuchen.
 
Die aktualisierten Triad-Leitlinien haben Knochenstressverletzungen ausdrücklich in ihr Risikomodell aufgenommen. Bei jugendlichen Sportlerinnen sollen Wachstum, Gewichtsverlauf, Menstruationsentwicklung und Knochengesundheit altersgerecht berücksichtigt werden.
 
Eine reine Laufpause behebt das zugrunde liegende Problem nicht, wenn der Körper danach weiterhin zu wenig Energie erhält.
 
Was Trainer leisten können und was nicht
 
Trainer gehören häufig zu den ersten Personen, die Veränderungen bemerken. Sie sehen, wenn eine sonst belastbare Läuferin plötzlich ungewöhnlich müde wirkt, mehrere Einheiten abbrechen muss oder immer wieder verletzt ist.
 
Ihre Aufgabe ist nicht, RED-S zu diagnostizieren oder einen Ernährungsplan zu verschreiben.
 
Sie können aber Fragen stellen, Beobachtungen ansprechen und professionelle Hilfe vermitteln.
 
Entscheidend ist die Sprache. Aussagen über Körpergewicht, Figur oder vermeintliches Idealgewicht können bei Jugendlichen großen Einfluss entwickeln. Selbst gut gemeinte Kommentare wie „Du wirkst jetzt richtig leicht und schnell“ können ein problematisches Verhalten bestätigen.
 
Sinnvoller ist es, über Energie, Erholung und Trainingsqualität zu sprechen: Hast du vor der Einheit etwas essen können? Wie fühlst du dich morgens? Erholst du dich zwischen den Belastungen? Gibt es Schmerzen, die nicht verschwinden?
 
Trainer sollten Leistungsschwankungen nicht automatisch mit mangelnder Härte beantworten. Zusätzliche Einheiten können eine bestehende Unterversorgung verschärfen.
 
Der DLV hat das Thema RED-S bereits in Fortbildungen für sein Trainerteam aufgegriffen und weist besonders auf die gesundheitliche Bedeutung in Ausdauersportarten hin. Auch der DOSB führt das Erkennen und Beurteilen der Energieverfügbarkeit als Bestandteil qualifizierter sporternährungsmedizinischer Betreuung auf.
 
In der Vereinspraxis hängt die Umsetzung jedoch davon ab, ob Trainer wissen, an wen sie sich wenden können. Ein Vortrag ohne konkrete medizinische und ernährungsfachliche Ansprechpartner lässt sie im Ernstfall weiterhin allein.
 
Eltern zwischen Unterstützung und Kontrolle
 
Bei minderjährigen Sportlerinnen spielen Eltern eine entscheidende Rolle. Sie kaufen Lebensmittel ein, organisieren Tagesabläufe und begleiten Arztbesuche. Gleichzeitig kann zu starke Kontrolle dazu führen, dass Essen noch konfliktreicher wird.
 
Hilfreich ist eine Umgebung, in der ausreichend und regelmäßig gegessen werden kann, ohne jede Portion zu kommentieren. Vor und nach dem Training sollten geeignete Lebensmittel verfügbar sein. Bei Wettkampffahrten gehört die Verpflegung ebenso zur Planung wie Startnummer, Schuhe und Anreise.
 
Eltern sollten aufmerksam werden, wenn sich das Essverhalten stark verändert, immer mehr Lebensmittel gemieden werden oder die Tochter zunehmend Angst vor Gewichtszunahme zeigt. Auch häufige Verletzungen, ausbleibende Menstruation, dauerhafte Erschöpfung und ein auffälliger Leistungsabfall gehören ärztlich abgeklärt.
 
Dabei sollte das Gespräch nicht mit Vorwürfen beginnen. Eine junge Läuferin kann eine Versorgungslücke selbst dann erleben, wenn sie sich große Mühe gibt, gesund zu essen.
 
Die Botschaft sollte deshalb nicht lauten: „Du isst falsch.“
 
Sie sollte lauten: „Dein Körper arbeitet gerade sehr viel. Lass uns gemeinsam herausfinden, was er dafür braucht.“
 
Ein Verein muss mehr anbieten als einen Vortrag
 
Ein jährlicher Informationsabend kann Bewusstsein schaffen. Eine wirksame Prävention benötigt jedoch Strukturen, die jeden Trainingstag betreffen.
 
Dazu gehört zunächst eine klare Haltung: Gesundheit und langfristige Entwicklung stehen vor kurzfristigen Ergebnissen. Gewichtsverlust wird nicht gelobt, Menstruationsstörungen werden nicht verharmlost und verletzte Athletinnen werden nicht unter Druck gesetzt, vorzeitig zurückzukehren.
 
Zweitens braucht es praktische Versorgung. Bei langen Trainingstagen oder Wettkampffahrten sollten Pausen und Verpflegungsmöglichkeiten eingeplant werden. Ein Verein kann einfache Snackempfehlungen bereitstellen, ohne Kalorienpläne oder starre Essensregeln zu verbreiten.
 
Drittens müssen Zuständigkeiten geklärt sein. Trainer sollten wissen, welche sportmedizinische Praxis, kinderärztliche Stelle oder qualifizierte Sporternährungsfachkraft ansprechbar ist. Bei Verdacht auf gestörtes Essverhalten muss zusätzlich eine psychologische oder psychiatrische Betreuung erreichbar sein.
 
Viertens braucht es Vertraulichkeit. Eine Jugendliche wird Zyklusprobleme oder Essensängste kaum ansprechen, wenn sie befürchten muss, dass die gesamte Trainingsgruppe davon erfährt.
 
Die 2026 veröffentlichte Übersichtsarbeit empfiehlt gerade deshalb mehrteilige Programme, die Sportlerinnen, Eltern, Trainer und Fachpersonal miteinander verbinden. Reine Wissensvermittlung erreicht nur einen Teil des Problems.
 
Wie gute Aufklärung aussehen sollte
 
Die Forschung kann noch nicht sagen, welches einzelne Programm RED-S am zuverlässigsten verhindert. Aus den bisherigen Studien lassen sich aber einige sinnvolle Prinzipien ableiten.
 
Sie muss altersgerecht sein
 
Ein wissenschaftlicher Vortrag über fettfreie Masse und hormonelle Signalwege wird eine 14-Jährige kaum durch ihren Trainingsalltag führen. Jugendliche benötigen verständliche Beispiele aus Schule, Training, Reisen und Wettkampf.
 
Sie muss praktisch sein
 
Essensplanung, einfache Zubereitung, Einkauf und mitnehmbare Zwischenmahlzeiten gehören in eine Schulung. Mehrere Programme der Übersichtsarbeit verbanden Unterricht deshalb mit Koch- und Planungsaufgaben. Solche Formate verbesserten nicht nur das unmittelbare Wissen, sondern zeigten teilweise auch bei späteren Befragungen stabilere Effekte.
 
Sie muss wiederholt werden
 
Eine einmalige Veranstaltung konkurriert mit täglichen Botschaften aus sozialen Medien, Freundeskreis und Trainingsumfeld. Ernährungskompetenz entsteht wie sportliche Technik durch Wiederholung und Anwendung.
 
Sie muss individuell werden können
 
Gruppenangebote schaffen Grundlagen. Wer bereits Beschwerden, ausgeprägte Ernährungsregeln oder eine Verletzungsgeschichte hat, benötigt persönliche Beratung und gegebenenfalls medizinische Diagnostik.
 
Sie muss die Umgebung verändern
 
Eine Sportlerin kann nur dann regelmäßig essen, wenn Zeit, Lebensmittel und Akzeptanz vorhanden sind. Eltern, Schulen, Vereine und Trainer tragen deshalb einen Teil der Verantwortung.
 
Warnzeichen, die nicht ignoriert werden sollten
 
Kein einzelnes Symptom beweist RED-S. Mehrere Veränderungen zusammen oder wiederkehrende Beschwerden sollten jedoch ernst genommen werden.
 
Dazu gehören unter anderem:
 
- eine deutlich verspätete erste Menstruation oder über längere Zeit ausbleibende beziehungsweise sehr seltene Blutungen
- wiederkehrende Knochenstressverletzungen oder ungewöhnlich hartnäckige Schmerzen
- unbeabsichtigter Gewichtsverlust oder ein deutlicher Bruch in der bisherigen Wachstumskurve
- anhaltende Müdigkeit und ungewöhnlich schlechte Regeneration
- ein deutlicher Leistungsabfall trotz steigenden Trainings
- zunehmend starre Ernährungsregeln oder Angst vor bestimmten Lebensmitteln
- zusätzlicher Bewegungsdrang trotz Verletzung oder ärztlicher Trainingspause
 
Solche Beobachtungen gehören nicht in eine öffentliche Mannschaftsbesprechung. Sie sollten ruhig, respektvoll und zunächst im kleinen Kreis angesprochen werden.
 
Bei Zyklusstörungen, wiederkehrenden Verletzungen oder Verdacht auf eine Essstörung ist eine ärztliche Abklärung notwendig. Fragebögen und Online-Selbsttests können Hinweise geben, ersetzen aber keine Diagnose. Die aktuellen Leitlinien betonen, dass es keinen einzelnen perfekten Marker für eine Energieunterversorgung gibt. Beurteilungen müssen mehrere körperliche, psychologische und sportliche Faktoren berücksichtigen.
 
Manchmal muss Training reduziert werden
 
Für Sportlerinnen, Trainer und Eltern ist dies häufig der schwierigste Punkt.
 
Wer zu wenig Energie zur Verfügung hat, kann das Problem nicht immer lösen, indem er lediglich einen zusätzlichen Snack isst und ansonsten unverändert weitertrainiert. Je nach medizinischem Risiko kann es notwendig sein, Umfang oder Intensität vorübergehend zu reduzieren.
 
Bei höherem Risiko sehen die aktuellen Leitlinien abgestufte Entscheidungen vor. Diese reichen von Training mit Auflagen und angepasster Belastung bis zu einer vorübergehenden Einschränkung von Training und Wettkampf. Solche Entscheidungen sollen nicht allein vom Trainer, sondern durch ärztliche und multidisziplinäre Beurteilung getroffen werden.
 
Das ist keine Strafe.
 
Ein Ermüdungsbruch wird ebenfalls nicht dadurch behandelt, dass die Sportlerin besonders motiviert weiterläuft. Eine ausgeprägte Energieunterversorgung benötigt dieselbe Ernsthaftigkeit.
 
Die Rückkehr ins Training sollte schrittweise erfolgen und sowohl körperliche als auch psychische Stabilität berücksichtigen. Gerade bei Jugendlichen müssen Familie und Behandlungsteam einbezogen werden.
 
Mehr Essen ist Behandlung, aber keine einfache Anweisung
 
Der wichtigste therapeutische Ansatz besteht darin, die Energieversorgung wieder an den Bedarf anzupassen. Das kann durch mehr Nahrung, eine veränderte Verteilung der Mahlzeiten, eine Verringerung der Trainingsbelastung oder eine Kombination daraus geschehen.
 
Die Umsetzung ist dennoch individuell.
 
Eine Sportlerin, die zwischen Schule und Training versehentlich zu wenig isst, benötigt vor allem alltagstaugliche Routinen. Eine andere Athletin hat möglicherweise große Angst vor Gewichtszunahme und braucht zusätzlich psychologische Behandlung. Bei ausbleibender Menstruation müssen andere medizinische Ursachen ausgeschlossen werden. Bei Knochenverletzungen sind Diagnostik und eine kontrollierte Rückkehr zum Sport erforderlich.
 
Die aktualisierten Leitlinien zeigen außerdem, dass sich verschiedene Körperfunktionen unterschiedlich schnell erholen können. Menstruationsblutungen können nach verbesserter Energiezufuhr wieder auftreten, während eine vollständige hormonelle Normalisierung mehr Zeit benötigt. Der Knochenaufbau reagiert noch langsamer, und eine vollständige Wiederherstellung verlorener Knochendichte ist nicht garantiert.
 
Je früher eine problematische Entwicklung erkannt wird, desto größer ist deshalb die Chance, langfristige Folgen zu vermeiden.
 
Erfolg muss neu definiert werden
 
Im Nachwuchssport wird Erfolg häufig mit Zeiten, Platzierungen und Kadernormen gemessen. Diese Werte sind sichtbar und leicht vergleichbar.
 
Gesundheit entwickelt sich leiser.
 
Eine regelmäßige Menstruation bringt keine Medaille. Eine stabile Knochenentwicklung erscheint in keiner Bestenliste. Ausreichendes Essen wird selten als Trainingsleistung wahrgenommen.
 
Dabei sind genau diese Faktoren die Voraussetzung dafür, dass eine junge Läuferin ihren Sport über viele Jahre ausüben kann.
 
Ein Trainingssystem, das kurzfristige Leistungssteigerungen auf Kosten von Wachstum, Knochen und psychischer Gesundheit erzielt, ist nicht erfolgreich. Es verschiebt lediglich die Rechnung in die Zukunft.
 
Die neue Übersichtsarbeit zeigt, dass junge Sportlerinnen Informationen aufnehmen können. Sie lernen, was Energieverfügbarkeit bedeutet und weshalb Sporternährung wichtig ist. Das ist ein notwendiger Anfang.
 
Doch eine Läuferin kann nicht allein gegen ungünstige Trainingszeiten, fehlende Verpflegung, Körperdruck und widersprüchliche Botschaften anessen.
 
Wissen eröffnet das Gespräch, Strukturen verändern den Alltag
 
RED-S lässt sich nicht durch Angst verhindern. Junge Läuferinnen sollen nicht jeden Lauf, jede Mahlzeit und jede Zyklusabweichung mit Sorge beobachten.
 
Sie brauchen vielmehr die Sicherheit, dass Essen zum Training gehört und kein Zeichen mangelnder Disziplin ist. Sie müssen wissen, dass ein gesunder Zyklus keine Schwäche darstellt und Schmerzen nicht verschwiegen werden müssen. Trainer benötigen klare Handlungsmöglichkeiten, Eltern praktische Orientierung und Vereine qualifizierte Ansprechpartner.
 
Aufklärung bleibt wichtig. Ohne Wissen werden frühe Warnzeichen übersehen und problematische Vorstellungen weitergegeben.
 
Doch Wissen allein stellt nach dem Training keine Mahlzeit bereit. Es beendet keine Kommentare über Körpergewicht. Es verändert keinen Stundenplan und ersetzt keine medizinische Untersuchung.
 
Erst wenn Informationen mit praktischen Lösungen, einer gesunden Trainingskultur und professioneller Unterstützung verbunden werden, kann Prävention gelingen.
 
Eine junge Läuferin sollte nicht erst dann Hilfe erhalten, wenn sie nicht mehr laufen kann.
 
Das Ziel muss sein, dass sie genug Energie bekommt, um gesund zu wachsen, sich vom Training zu erholen und auch Jahre später noch mit Freude an einer Startlinie zu stehen.


    RED-S erkennen: Was Trainer und Eltern tun sollten
 
RED-S lässt sich nicht an einem einzelnen Symptom erkennen. Entscheidend ist, ob sich mehrere Warnzeichen häufen oder eine junge Läuferin über längere Zeit verändert wirkt.
 
Auf diese Warnzeichen achten
 
- anhaltende Müdigkeit und auffällig schlechte Regeneration
- deutlicher Leistungsabfall trotz steigendem Training
- wiederkehrende Knochenbeschwerden oder Ermüdungsbrüche
- ausbleibende oder sehr unregelmäßige Menstruation
- unbeabsichtigter Gewichtsverlust oder auffällige Veränderungen der Wachstumskurve
- zunehmende Angst vor bestimmten Lebensmitteln
- immer strengere Essensregeln oder das Auslassen von Mahlzeiten
- zusätzlicher Trainingsdrang trotz Schmerzen, Verletzung oder verordneter Pause
 
Keines dieser Anzeichen beweist für sich allein ein relatives Energiedefizit. Mehrere Hinweise zusammen sollten jedoch ernst genommen werden.
 
Ruhig und vertraulich ansprechen
 
Das Gespräch sollte unter vier Augen und ohne Vorwürfe stattfinden. Statt Körpergewicht oder Aussehen zu kommentieren, sind konkrete Beobachtungen hilfreicher:
 
„Du wirkst seit einigen Wochen ungewöhnlich erschöpft.“
 
„Deine Schmerzen kommen immer wieder.“
 
„Ich habe den Eindruck, dass du dich zwischen den Einheiten nicht mehr richtig erholst.“
 
Ziel ist nicht, eine Diagnose zu stellen. Es geht darum, Hilfe anzubieten und weitere Schritte einzuleiten.
 
Keine eigenen Ernährungspläne verordnen
 
Trainer und Eltern sollten keine Kalorienvorgaben machen, regelmäßige Gewichtskontrollen einführen oder einzelne Lebensmittel verbieten. Auch die pauschale Aufforderung „Du musst einfach mehr essen“ greift häufig zu kurz.
 
Sinnvoller ist eine Abklärung durch sportmedizinisch erfahrene Ärzte und qualifizierte Ernährungsfachkräfte. Bei Verdacht auf eine Essstörung oder ausgeprägter Angst vor Gewichtszunahme sollte zusätzlich psychologische Unterstützung einbezogen werden.
 
Training nicht automatisch steigern
 
Leistungseinbrüche sind nicht immer ein Zeichen mangelnder Fitness oder Disziplin. Zusätzliche Intervalle, längere Dauerläufe und weitere Wettkämpfe können eine bestehende Energieunterversorgung verschärfen.
 
Je nach Beschwerden kann es notwendig sein, Umfang und Intensität vorübergehend zu reduzieren. Diese Entscheidung sollte gemeinsam mit medizinischem Fachpersonal getroffen werden.
 
Den Alltag praktisch erleichtern
 
Aufklärung wirkt besser, wenn die Umgebung mitzieht. Hilfreich sind:
 
- ausreichend Zeit zum Essen zwischen Schule und Training
- leicht transportierbare Snacks vor und nach der Einheit
- verlässliche Verpflegung bei Wettkämpfen und Auswärtsfahrten
- eine Vereinskultur ohne Kommentare über Figur und Körpergewicht
- feste Ansprechpartner für medizinische und ernährungsbezogene Fragen
 
Die wichtigste Regel
 
Eine junge Läuferin sollte nicht erst dann Unterstützung erhalten, wenn sie nicht mehr laufen kann.
 
Frühes Ansprechen, professionelle Abklärung und eine vorübergehende Trainingsanpassung können helfen, langfristige Folgen für Knochen, Hormonhaushalt und Leistungsfähigkeit zu vermeiden.


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Autor und Copyright: Detlev Ackermann, Laufen-in-Koeln


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