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Deutsche Läufer setzen bei der EM erste Ausrufezeichen |
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Drei Wettkampftage sind bei den Leichtathletik-Europameisterschaften in Birmingham absolviert, und aus deutscher Sicht haben gerade die Laufdisziplinen bereits einige Geschichten geliefert. Florian Bremm holte Silber über 5.000 Meter, Owen Ansah Bronze über 100 Meter. Jean Paul Bredau lief im 400-Meter-Finale auf Rang fünf. Dazu stehen drei deutsche Frauen im Hindernisfinale und zwei Männer über 400 Meter Hürden im Endlauf. Es gab aber auch Rennen, die zeigten, wie schmal bei einer Europameisterschaft der Grat zwischen einem starken Auftritt und dem Ausscheiden sein kann.
Florian Bremm bringt Ingebrigtsen in Bedrängnis
Das erste große Ausrufezeichen setzte Florian Bremm gleich am Montagabend. Der 25-Jährige hatte sich in dieser Saison mit seiner ersten Zeit unter 13 Minuten in die europäische Spitze gearbeitet. In Birmingham zeigte er, dass diese Entwicklung auch in einem Meisterschaftsrennen trägt.
Die 5.000 Meter verliefen unruhig, das Tempo wechselte mehrfach. Bremm ließ sich davon nicht aus der Position bringen. Als auf der Schlussrunde die Entscheidung fiel, war der Deutsche nicht nur dabei, sondern plötzlich mitten im Kampf um Gold. Auf der Zielgeraden führte er sogar kurzzeitig.
Am Ende kam nur Jakob Ingebrigtsen noch vorbei. Der Norweger gewann in 13:15,29 Minuten, Bremm folgte 31 Hundertstelsekunden später in 13:15,60 Minuten. Bronze ging an den Franzosen Etienne Daguinos in 13:16,09 Minuten.
Bei einem Meisterschaftsrennen dieser Art sagt die Endzeit nur einen Teil der Geschichte. Bemerkenswerter war Bremms Auftreten. Er lief nicht darauf, möglichst lange mit den Favoriten mitzuhalten. Als sich die Gelegenheit bot, griff er selbst nach dem Titel. Dass ihn schließlich nur Ingebrigtsen bezwingen konnte, machte Silber zu weit mehr als einem gut verwalteten zweiten Platz.
Owen Ansah beendet eine lange deutsche Wartezeit
Am Dienstag folgte die zweite deutsche Laufmedaille. Owen Ansah sprintete über 100 Meter in 10,19 Sekunden zu Bronze. Vor ihm lagen die beiden Briten Romell Glave, der in 10,09 Sekunden Europameister wurde, und Jeremiah Azu in 10,16 Sekunden.
Ansah hatte bereits im Halbfinale mit 10,20 Sekunden überzeugt und sich als Zweiter seines Laufes sicher für die Entscheidung qualifiziert. Im Finale war besonders sein letzter Rennabschnitt stark. Während Titelverteidiger Marcell Jacobs angeschlagen ausrollte und die beiden Briten vorne um Gold kämpften, arbeitete sich Ansah auf den letzten Metern noch auf Rang drei vor.
Historisch ist die Medaille ohnehin: Es ist die erste EM-Medaille eines deutschen 100-Meter-Sprinters seit der Wiedervereinigung.
Heiko Gussmann und Lucas Ansah-Peprah hatten ebenfalls das Halbfinale erreicht, kamen dort aber nicht weiter. Gussmann wurde mit 10,37 Sekunden insgesamt 14., Ansah-Peprah mit 10,49 Sekunden 21. Damit blieb Ansah der einzige Deutsche im Finale.
Jean Paul Bredau gehört inzwischen in Europas Spitze
Eine Medaille wurde es für Jean Paul Bredau nicht. Sein Auftritt über 400 Meter dürfte ihm dennoch weiteres internationales Ansehen verschafft haben.
Schon das Halbfinale war stark. Bredau gewann seinen Lauf in 44,86 Sekunden und stellte damit die zweitschnellste Zeit seiner Karriere auf. Im Finale am Mittwoch ging er auf Bahn sechs offensiv ins Rennen und lag lange aussichtsreich. Erst auf der Zielgeraden zogen die Medaillengewinner entscheidend davon.
Bredau wurde in 44,93 Sekunden Fünfter. Europameister Matthew Hudson-Smith aus Großbritannien gewann in 44,17 Sekunden vor Muhammad Abdallah Kounta aus Frankreich und dem Niederländer Jonas Phijffers. Für Bredau war es bereits die vierte Zeit seiner Karriere unter 45 Sekunden und die dritte in dieser Saison. Seit Ingo Schultz, der 2002 in München Europameister wurde, war kein deutscher Läufer bei einer EM über 400 Meter besser platziert.
Das ist eine bemerkenswerte Entwicklung. Bredau ist inzwischen nicht mehr der Außenseiter, der bei optimalem Rennverlauf auf ein Finale hoffen darf. Zwei Läufe unter 45 Sekunden innerhalb von zwei Tagen zeigen, dass er sich auf diesem Niveau stabilisiert hat.
Auch Thorben Finke präsentierte sich ordentlich. Er verbesserte sich nach 45,79 Sekunden im Vorlauf im Halbfinale auf 45,66 Sekunden und belegte in der Gesamtwertung Rang 20.
Smilla Kolbe läuft in eine neue Leistungsklasse
Auf den Mittelstrecken lieferte Smilla Kolbe eine der stärksten deutschen Leistungen der ersten Tage. Die Deutsche Meisterin ging ihren 800-Meter-Vorlauf mutig an und orientierte sich an Olympiasiegerin Keely Hodgkinson. Das zahlte sich aus.
Kolbe wurde in 1:57,80 Minuten Dritte ihres Laufes und qualifizierte sich direkt für das Halbfinale. Dabei verbesserte sie ihre persönliche Bestzeit um mehr als eine Sekunde. Seit 1990 war keine deutsche 800-Meter-Läuferin schneller.
Wie hoch das Niveau in Birmingham ist, erlebte Jana Becker. Die 20-Jährige steigerte ihre Bestzeit auf 1:59,08 Minuten und schied trotzdem bereits im Vorlauf aus. Majtie Kolberg konnte ihr Rennen nach Problemen im Oberschenkel nicht wie erhofft zu Ende bringen.
Bei den Männern überstand Alexander Stepanov zunächst seinen 800-Meter-Vorlauf als Dritter in 1:46,27 Minuten. Im Halbfinale steigerte er sich auf 1:45,46 Minuten. Nach Platz fünf in seinem Lauf durfte er kurz auf den Finaleinzug über die Zeit hoffen, doch das zweite Halbfinale war erheblich schneller. Stepanov schied aus, war mit 21 Jahren allerdings der schnellste U23-Athlet des gesamten Feldes.
Über 5.000 Meter der Frauen sammelte Vanessa Mikitenko bei ihrer ersten Europameisterschaft Erfahrung. Die 21-Jährige belegte in 15:54,49 Minuten Rang 14. Den Titel gewann die Italienerin Nadia Battocletti in 15:37,84 Minuten.
Drei deutsche Frauen stehen im Hindernisfinale
Besonders interessant wird aus deutscher Sicht das Finale über 3.000 Meter Hindernis. Gesa Felicitas Krause, Lea Meyer und Olivia Gürth haben geschlossen die Entscheidung erreicht.
Meyer und Krause bestimmten bereits den ersten Vorlauf und liefen in 9:32,21 beziehungsweise 9:32,27 Minuten als Erste und Zweite ins Ziel. Es waren zugleich die beiden schnellsten Zeiten der gesamten Qualifikation. Gürth machte im zweiten Vorlauf in 9:32,65 Minuten als Vierte den deutschen Dreifacheinzug perfekt.
Qualifikationszeiten sollte man bei Meisterschaften nicht überinterpretieren. Entscheidend ist die Ausgangslage trotzdem: Deutschland bringt drei Athletinnen ins Finale, darunter mit Krause eine der erfahrensten Hindernisläuferinnen Europas und mit Meyer sowie Gürth zwei Läuferinnen, die längst gezeigt haben, dass sie auf internationalem Niveau bestehen können.
Agyekum und Fischer-Breiholz greifen im Finale an
Auch über 400 Meter Hürden der Männer ist Deutschland doppelt im Endlauf vertreten. Emil Agyekum gewann sein Halbfinale kontrolliert in 48,17 Sekunden. Owe Fischer-Breiholz steigerte sich auf der Zielgeraden noch auf Rang zwei seines Laufes und erreichte in 48,23 Sekunden ebenfalls sicher das Finale.
Beide mussten dabei nicht bis zum letzten Meter alles investieren. Agyekum konnte nach der letzten Hürde sichtbar Tempo herausnehmen. Das dürfte für den Endlauf wichtiger sein als die Platzierung in der Zeitentabelle, denn dort warten unter anderem Karsten Warholm und mehrere Läufer, die im Halbfinale bereits unter 48 Sekunden geblieben sind.
Bei den Frauen fehlte Eileen Demes nur wenig. Trotz eingeschränkter Vorbereitung lief sie im Halbfinale Saisonbestzeit von 54,63 Sekunden und wurde in der Gesamtabrechnung Neunte. Vanessa Baldé war zuvor in 56,52 Sekunden als 13. der Vorläufe ausgeschieden; ihr fehlten 18 Hundertstelsekunden zum Halbfinale.
Rosina Schneider fehlen Zentimeter zum Finale
Auch über 100 Meter Hürden blieb ein deutscher Finalplatz nur knapp außer Reichweite. Rosina Schneider hatte im Vorlauf mit persönlicher Bestzeit von 12,76 Sekunden zunächst für Aufsehen gesorgt. Keine Athletin war in der ersten Runde schneller.
Im Halbfinale lief Schneider bei 1,3 Metern pro Sekunde Gegenwind 12,98 Sekunden. Sie wurde Dritte ihres Laufes und belegte in der Gesamtwertung Rang neun. Nur acht Athletinnen durften ins Finale.
Lia Flotow erreichte bei ihrer ersten EM ebenfalls das Halbfinale und wurde dort in 13,02 Sekunden Fünfte ihres Laufes. Für Franziska Schuster endete das Rennen schmerzhaft: Die Deutsche Meisterin kam an der siebten Hürde zu Fall. Nach Angaben des DLV konnte sie das Stadion anschließend aufrecht verlassen.
Gregory Minoué hatte sich über 110 Meter Hürden zunächst in 13,84 Sekunden sicher für das Halbfinale qualifiziert. Am Mittwoch konnte der Deutsche Meister aus gesundheitlichen Gründen dort jedoch nicht mehr antreten.
Auf den flachen Sprintstrecken der Frauen fehlt das Finale
Weniger gut verliefen bislang die Einzelrennen der deutschen Sprinterinnen. Über 100 Meter schieden Gina Lückenkemper und Rebekka Haase im Halbfinale aus. Lückenkemper lief 11,28 Sekunden, Haase verpasste ebenfalls den Endlauf. Chelsea Kadiri war bereits in der ersten Runde ausgeschieden.
Auch über 200 Meter wird das Finale ohne deutsche Beteiligung stattfinden. Talea Prepens gewann am Mittwochvormittag ihren Vorlauf in 23,16 Sekunden, kam im Halbfinale aber nicht über 23,32 Sekunden und Rang sechs hinaus. Sophia Junk wurde in 23,22 Sekunden Fünfte ihres Halbfinales und belegte insgesamt Platz 13. Auch die Deutsche Meisterin Judith Bilepo Mokobe verpasste als Vierte ihres Laufes den Sprung unter die besten Acht.
Das ist angesichts der Breite im deutschen Frauensprint eine eher ernüchternde Einzelbilanz. Die Staffeln bieten später in der Woche allerdings noch eine neue Ausgangslage, bei der andere Qualitäten gefragt sind.
Nach drei Tagen ergibt sich damit ein durchaus interessantes Bild. Bremm und Ansah haben die ersten Laufmedaillen geholt, Bredau ist über 400 Meter näher an die europäische Spitze herangerückt, als es Rang fünf allein vermuten lässt. Gleichzeitig stehen mit Kolbe, Krause, Meyer, Gürth, Agyekum und Fischer-Breiholz mehrere deutsche Läuferinnen und Läufer vor Rennen, in denen noch einiges möglich ist.
Schon am Donnerstag rücken mehrere davon wieder in den Mittelpunkt: Smilla Kolbe läuft das 800-Meter-Halbfinale, das deutsche Hindernis-Trio kämpft um die Medaillen, Johanna Martin steigt über 400 Meter in die EM ein, und über 200 Meter beginnen für die deutschen Männer die Einzelwettbewerbe.
Birmingham hat aus deutscher Laufsicht also schon geliefert. Die interessantesten Antworten könnten aber noch ausstehen.
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Autor und Copyright: Detlev Ackermann, Laufen-in-Koeln
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