| |
|
|
 |
|
 |
Deutschlands Läufer drehen in Birmingham noch einmal auf |
| |
Es hätte schon eine ziemlich ordentliche deutsche Laufbilanz werden können. Florian Bremm hatte über 5.000 Meter Silber geholt, Owen Ansah Bronze über 100 Meter, Jean Paul Bredau war über 400 Meter Fünfter geworden. Doch ab Donnerstag bekam diese Europameisterschaft im Alexander Stadium noch einmal eine völlig andere Dynamik.
Gesa Felicitas Krause gewann Gold über 3.000 Meter Hindernis, Olivia Gürth lief im selben Rennen zu Bronze. Einen Abend später holte Emil Agyekum Silber über 400 Meter Hürden. Dann kam Owen Ansah und machte aus seiner ohnehin starken EM eine außergewöhnliche: Nach Bronze über 100 Meter wurde er Europameister über 200 Meter. Und als am Samstag die deutsche 4x100-Meter-Staffel der Männer Silber gewann, war endgültig klar, dass sich die zweite Hälfte dieser EM aus deutscher Laufsicht hinter der ersten keineswegs verstecken musste.
Es waren allerdings nicht nur Medaillen, die in Erinnerung bleiben. Lea Meyer stürzte im Hindernisfinale auf Podiumskurs am letzten Wassergraben. Robert Farken fand im 1.500-Meter-Finale nie richtig ins Rennen. Und die deutsche Frauenstaffel über 4x100 Meter scheiterte ausgerechnet an jener Disziplin, die in den vergangenen Jahren zu ihren großen Stärken gehört hatte: dem Wechsel.
Drei Deutsche kämpfen um die Hindernismedaillen
Selten geht Deutschland mit einer solchen Ausgangslage in ein europäisches Hindernisfinale. Gesa Krause, Lea Meyer und Olivia Gürth hatten sich gemeinsam für die Entscheidung qualifiziert. Und keine der drei war dort nur zum Mitlaufen.
Das zeigte sich früh. Die deutschen Läuferinnen hielten sich vorne, Meyer übernahm zeitweise selbst Verantwortung für das Tempo. Krause blieb in Schlagdistanz, Gürth ebenfalls. Als die Glocke zur letzten Runde ertönte, war ein außergewöhnliches deutsches Ergebnis möglich.
Am Ende wurde daraus Gold und Bronze.
Krause spielte auf der Schlussrunde ihre enorme Meisterschaftserfahrung aus und gewann in 9:12,69 Minuten ihren dritten EM-Titel nach 2016 und 2018. Alice Finot aus Frankreich wurde in 9:14,24 Minuten Zweite, Olivia Gürth holte in 9:15,33 Minuten Bronze.
Für Gürth war es der bislang größte internationale Erfolg bei den Erwachsenen. Für Krause ein weiterer Titel in einer Karriere, in der sie das 3.000-Meter-Hindernisrennen in Deutschland geprägt hat wie kaum eine andere.
Und Lea Meyer?
Sie war bis zum letzten Wassergraben mittendrin im Kampf um die Medaillen. Dann stürzte sie. Statt eines möglichen Podestplatzes blieb Rang vier.
Solche Rennen lassen sich hinterher nur schwer auf eine Ergebnisliste reduzieren. Deutschland hatte drei Frauen in der entscheidenden Phase ganz vorne. Zwei gewannen eine Medaille. Die dritte fehlte nur ein missglückter Wassergraben.
Smilla Kolbe hinterlässt trotzdem Eindruck
Ein Finale erreichte Smilla Kolbe über 800 Meter nicht. Trotzdem gehört ihr Auftritt zu den bemerkenswerten deutschen Mittelstreckenleistungen dieser EM.
Schon im Vorlauf hatte sie in 1:57,80 Minuten ihre persönliche Bestzeit um mehr als eine Sekunde verbessert. Seit Jahrzehnten war keine deutsche 800-Meter-Läuferin schneller gewesen. Im Halbfinale am Donnerstag endete ihr Weg schließlich.
Das mag unmittelbar nach einem Ausscheiden wenig tröstlich sein. Für die Einordnung ihrer EM ist der Vorlauf aber wichtiger als das verpasste Finale. Kolbe hat in Birmingham eine Zeit geliefert, mit der sich ihre Rolle im deutschen Frauen-Mittelstreckenlauf verändert hat. Aus einer Athletin auf dem Weg nach oben ist eine Läuferin geworden, die sich an internationalen Maßstäben messen lassen kann.
Agyekum läuft nur einem davon
Am Freitagabend stand Emil Agyekum an der Startlinie des 400-Meter-Hürden-Finals. Viel größer hätte die Aufgabe kaum sein können.
Wenige Wochen zuvor hatte der Berliner in 47,45 Sekunden den 44 Jahre alten deutschen Rekord von Harald Schmid verbessert. In Birmingham wartete nun Karsten Warholm, Olympiasieger, Weltmeister und seit Jahren die europäische Referenz auf dieser Strecke. Agyekums Rekordlauf hatte bereits gezeigt, in welcher Form er nach Birmingham gekommen war.
Warholm war im Finale nicht zu schlagen. Der Norweger gewann in 46,63 Sekunden. Dahinter aber kam Agyekum.
47,87 Sekunden bedeuteten Silber und die erste deutsche EM-Medaille über 400 Meter Hürden seit Harald Schmid 1986.
Das Entscheidende daran ist nicht nur die historische Lücke von 40 Jahren. Agyekum lief nicht durch das Aus anderer überraschend aufs Podium. Seine ganze Saison hatte auf ein solches Ergebnis hingedeutet. Deutscher Rekord, Meisterschaftsrekord bei der DM und nun EM-Silber.
Auch Owe Fischer-Breiholz bestätigte die deutsche Stärke auf der Hürdenrunde. Er wurde Fünfter. Zwei Deutsche unter den besten fünf Europas: Diese Disziplin hat sich innerhalb erstaunlich kurzer Zeit von einer deutschen Baustelle zu einer echten Stärke entwickelt.
Dann kommt wieder Owen Ansah
Owen Ansah hätte Birmingham schon nach dem 100-Meter-Finale als erfolgreiche Europameisterschaft verbuchen können. Bronze über die kürzeste Sprintstrecke war historisch genug.
Doch Ansah war noch nicht fertig.
Über 200 Meter wirkte er nicht wie jemand, der lediglich eine zweite Medaille mitnehmen wollte. Im Finale beschleunigte er aus der Kurve heraus stark, hielt seine Geschwindigkeit auf der Zielgeraden und durchbrach erstmals in seiner Karriere die 20-Sekunden-Marke.
19,95 Sekunden. Europameister.
Damit bekam seine EM eine Dimension, die über einen einzelnen Überraschungserfolg hinausgeht. Ansah war bereits vor Birmingham deutscher 100-Meter-Rekordhalter. Anfang Juni hatte er seine eigene Bestmarke in Regensburg auf 9,98 Sekunden verbessert und damit unterstrichen, dass seine Entwicklung weitergeht.
In Birmingham zeigte er nun etwas, das bei Bestzeiten auf Meetings nicht überprüft wird: Er kann seine Leistung auch über mehrere Runden und unter Meisterschaftsdruck abrufen.
Bronze über 100 Meter, Gold über 200 Meter. Aus deutscher Sicht war Ansah damit spätestens am Freitagabend einer der Athleten dieser EM.
Farken findet nicht in sein Rennen
Robert Farken hatte andere Erwartungen.
Der deutsche 1.500-Meter-Rekordhalter war mit einer Saison nach Birmingham gekommen, die ihn zu einem ernsthaften Medaillenkandidaten machte. Der Vorlauf hatte daran zunächst nichts geändert.
Doch ein 1.500-Meter-Meisterschaftsfinale gehorcht selten der Jahresbestenliste. Das Tempo, die Position im Feld und der Zeitpunkt der entscheidenden Bewegung können wichtiger werden als die reine Leistungsfähigkeit.
Farken fand am Samstag nicht die Position, aus der er seine Stärke hätte ausspielen können. In 3:37,49 Minuten wurde er Neunter. Europameister wurde der Niederländer Stefan Nillessen.
Für Farken war das eine Enttäuschung. Gerade deshalb gehört auch dieses Rennen zur deutschen EM-Bilanz. Birmingham zeigte auf den Mittelstrecken einmal mehr, wie weit der Weg zwischen einer schnellen Saisonzeit und einer Medaille in einem taktischen Finale sein kann.
Vier Männer, ein Stab und Silber
Am Samstagabend kam noch einmal die 4x100-Meter-Staffel.
Deutschland lief mit Kevin Kranz, Marvin Schulte, Heiko Gussmann und Lucas Ansah-Peprah. Der frischgebackene 200-Meter-Europameister Owen Ansah stand nicht im Quartett.
Trotzdem fehlte nicht viel zu Gold.
Die deutschen Sprinter brachten den Stab in 38,64 Sekunden ins Ziel. Großbritannien gewann vor heimischem Publikum in 38,45 Sekunden, Belgien wurde in 38,70 Sekunden Dritter.
19 Hundertstelsekunden trennten Deutschland vom EM-Titel.
Gerade diese Silbermedaille sagt einiges über die Breite des deutschen Männer-Sprints aus. Ansah hatte in Birmingham die Schlagzeilen produziert, doch die Staffel bewies, dass dahinter genügend Qualität vorhanden ist, um auch ohne den schnellsten Mann um einen europäischen Titel zu laufen. Dass bereits im Frühjahr mehrere deutsche Sprinter die EM-Norm erfüllt hatten und Deutschland bei den World Relays mit einem breiten Staffelaufgebot angetreten war, hatte diese Entwicklung schon angedeutet.
Bei den Frauen endete der Staffelabend dagegen früh. Deutschland hatte in dieser Disziplin in den vergangenen Jahren international regelmäßig um Medaillen gekämpft. Diesmal ging beim Wechsel der Stab nicht sauber durch. Das Finale fand ohne die deutsche Staffel statt.
Es war einer dieser Momente, die den Staffel-Sprint so gnadenlos machen. Vier schnelle Läuferinnen reichen nicht. Der Stab muss ankommen.
Aus einer guten EM wird eine richtig starke Laufbilanz
Am Mittwochabend hatte die deutsche Laufbilanz bereits Substanz. Bremms Silber über 5.000 Meter und Ansahs Bronze über 100 Meter waren Ergebnisse, mit denen man vor der EM zufrieden gewesen wäre.
Was danach kam, veränderte die Perspektive.
Krause gewann ihren dritten EM-Titel. Gürth holte ihre erste große Medaille bei den Erwachsenen. Agyekum bestätigte mit Silber, dass sein deutscher Rekord kein Ausreißer war. Ansah wurde nach Bronze über 100 Meter auch noch Europameister über 200 Meter. Die Männerstaffel legte Silber nach.
Dabei kamen diese Medaillen aus völlig unterschiedlichen Ecken des Laufprogramms: Hindernis, Langhürde, Sprint und Staffel. Das macht die zweite Hälfte der EM vielleicht interessanter als eine bloße Medaillenzahl.
Birmingham zeigte keine deutsche Dominanz im Laufen. Dafür gab es zu viele Disziplinen, in denen das Finale ohne DLV-Athleten stattfand oder große Hoffnungen unerfüllt blieben. Aber es gab etwas, das für die kommenden Jahre womöglich wichtiger ist: internationale Konkurrenzfähigkeit auf bemerkenswert vielen Strecken.
Und manchmal entscheidet sich eine gute Meisterschaft eben erst dann, wenn man glaubt, die wichtigsten Geschichten seien längst erzählt.
__________________________________
Autor und Copyright: Detlev Ackermann, Laufen-in-Koeln Foto: Broomcleaning2006 / Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0
|
|
|
|
 |
|