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Gold auf der Straße: Petros krönt ein außergewöhnliches EM-Wochenende |
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Sieben Sekunden nach 42,195 Kilometern. Mehr blieb Amanal Petros am Ende nicht. Mehr brauchte er aber auch nicht. Als der deutsche Rekordhalter am Sonntagmorgen auf dem Victoria Square in Birmingham ins Ziel lief, hatte er vollendet, was er gut 25 Kilometer zuvor mit einer mutigen Attacke begonnen hatte: Petros war Europameister.
Vier Jahre zuvor hatte er bei der Heim-EM in München als Vierter noch knapp neben dem Podium gestanden. Diesmal gehörte ihm Gold. In 2:09:11 Stunden setzte er sich vor dem Italiener Pietro Riva durch und sorgte damit für den deutschen Höhepunkt eines außergewöhnlichen EM-Wochenendes auf den Straßen Birminghams.
Denn dort war schon am Tag zuvor Geschichte geschrieben worden. Erstmals wurden bei einer Europameisterschaft Titel im Halbmarathon- und Marathon-Gehen vergeben. Gleich bei der Premiere fielen zwei Weltrekorde. Einen Tag später gehörte der Innenstadtkurs den Marathonläufern und aus deutscher Sicht vor allem einem Mann: Amanal Petros.
Neue Distanzen, zwei Weltrekorde
Der Samstag hatte historischen Charakter. Erstmals wurden bei einer Europameisterschaft Titel im Halbmarathon- und Marathon-Gehen vergeben. Die neuen Strecken haben seit 2026 die bisherigen 20 und 35 Kilometer ersetzt.
Bei den Frauen setzte María Pérez gleich die erste große Marke. Die Spanierin gewann den Halbmarathon in 1:30:06 Stunden und unterbot damit die von World Athletics festgelegte Schwelle für einen ersten offiziell anerkannten Weltrekord. Silber ging an Alexandrina Mihai aus Italien, Bronze an die Ukrainerin Lyudmila Olyanovska.
Auch das Männer-Rennen gewann Spanien. Paul McGrath setzte sich mit einem langen Angriff ab und erreichte nach 1:23:23 Stunden das Ziel. Francesco Fortunato und Andrea Cosi sorgten mit Silber und Bronze für zwei italienische Medaillen.
Die Gehwettbewerbe wurden auf einem Rundkurs im Zentrum Birminghams ausgetragen. Für die Zuschauer war das attraktiv, weil die Athleten regelmäßig vorbeikamen. Für die Teilnehmer bedeuteten die vielen Runden dagegen dauerhafte Konzentration. Gerade über die Marathondistanz musste die vorgeschriebene Gehtechnik auch nach rund drei Stunden Belastung noch sauber bleiben.
Im Marathon-Gehen der Männer setzte sich Massimo Stano durch. Der italienische Olympiasieger zeigte damit, dass ihm auch die neue Distanz liegt. Miguel Ángel López aus Spanien gewann Silber, Bronze ging an Aurélien Quinion aus Frankreich.
Für den zweiten Weltrekord des Tages sorgte Sofia Fiorini. Die 21-jährige Italienerin gewann das Marathon-Gehen in 3:15:11 Stunden und blieb damit deutlich unter der für einen ersten Weltrekord angesetzten Marke von 3:17:00 Stunden. Katarzyna Zdziebło aus Polen wurde Zweite, Raquel González aus Spanien Dritte.
Deutschland blieb im Gehen ohne Medaille. Dabei war das DLV-Team durchaus mit Ambitionen angereist. Leo Köpp hatte bei der Team-WM im Frühjahr auf der neuen Halbmarathon-Distanz Rang vier belegt, Karl Junghannß gehörte auf der langen Strecke zu den stärksten deutschen Gehern.
Nach diesem historischen Geher-Samstag gehörten die Straßen am Sonntag wieder den Läufern.
Acht Runden durch Birmingham
Der Marathonkurs im Zentrum Birminghams war kein klassischer Bestzeitenkurs. Start und Ziel lagen am Victoria Square. Von dort ging es auf den eigentlichen Innenstadtkurs. Das Herzstück bildete eine rund fünf Kilometer lange Runde, die achtmal absolviert werden musste.
Die Strecke führte durch unterschiedliche Bereiche der Innenstadt, unter anderem durch das Jewellery Quarter, vorbei an St Paul’s Square sowie durch Ladywood und Westside. Statt kilometerlang geradeaus zu laufen, mussten die Athleten immer wieder Kurven, Richtungswechsel und Steigungen bewältigen.
Was auf einer einzelnen Fünf-Kilometer-Runde noch wenig spektakulär erscheinen mag, bekommt bei acht Durchgängen eine andere Bedeutung. Jeder Anstieg kommt wieder, jede Kurvenfolge ebenfalls. Gerade in der zweiten Marathonhälfte kann das den Laufrhythmus erheblich beeinflussen.
Auch mental unterscheidet sich ein solcher Kurs von einem klassischen Stadtmarathon. Nach einigen Runden wissen die Läufer ziemlich genau, was vor ihnen liegt. Das kann bei der Renneinteilung helfen. Es bedeutet aber auch, dass man schon vorher weiß, welcher unangenehme Abschnitt noch mehrmals bevorsteht.
Für die Zuschauer hatte das Konzept einen großen Vorteil. Die Spitze verschwand nach dem Start nicht für zwei Stunden irgendwo im Stadtgebiet, sondern kam immer wieder an denselben Punkten vorbei. Der Marathon wurde damit tatsächlich zu einem Innenstadt-Rennen.
Und genau auf diesem Kurs setzte Amanal Petros die entscheidende Attacke.
Petros wartet nicht auf die letzten Kilometer
Deutschland war bei den Männern mit einer außergewöhnlich starken Mannschaft angetreten. Neben Petros standen unter anderem Samuel Fitwi und Titelverteidiger Richard Ringer am Start. Petros kam als Vize-Weltmeister von 2025 und deutscher Rekordhalter nach Birmingham, Ringer hatte vier Jahre zuvor in München EM-Gold gewonnen.
Lange entwickelte sich der Marathon wie ein typisches Meisterschaftsrennen. Die Favoriten blieben zusammen, niemand wollte zu früh zu viel investieren.
Dann griff Petros an.
Nach gut 25 Kilometern verschärfte er an einer Steigung das Tempo. Aus der Attacke wurde ein Sololauf über fast 20 Kilometer. Die Spitzengruppe fiel auseinander, während Petros seinen Vorsprung zunächst immer weiter ausbaute.
Dass er die Entscheidung früh suchte, hatte durchaus eine besondere Note. Bei der Weltmeisterschaft 2025 in Tokio hatte Petros im Kampf um Gold erlebt, wie knapp ein Marathon enden kann. Dort war er Alphonce Felix Simbu erst unmittelbar an der Ziellinie unterlegen. In Birmingham musste er sich auf keinen Sprint einlassen.
Ganz ohne Spannung blieb es trotzdem nicht. Auf den letzten Kilometern kam Pietro Riva wieder näher. Auch Gashau Ayale aus Israel arbeitete sich heran.
Petros hielt dagegen.
Nach 2:09:11 Stunden war er im Ziel. Riva folgte in 2:09:18 Stunden, Ayale in 2:09:21 Stunden.
Sieben Sekunden Vorsprung nach 42,195 Kilometern. Für Petros lagen zwischen dem vierten Platz von München 2022 und Gold in Birmingham am Ende nur wenige Sekunden.
Drei Deutsche unter den ersten Zehn
Hinter Petros brachte Deutschland zwei weitere Läufer in die Top Ten. Samuel Fitwi belegte Rang neun, unmittelbar dahinter wurde Richard Ringer Zehnter.
Damit bestätigte sich erneut, wie stark der deutsche Männer-Marathon inzwischen besetzt ist. Noch vor einigen Jahren wäre eine Mannschaft mit mehreren international konkurrenzfähigen Läufern in dieser Breite außergewöhnlich gewesen. In Birmingham war Deutschland nicht nur mit einem Einzelkandidaten vertreten, sondern mit einer Gruppe, die sich über weite Strecken weit vorne im Rennen zeigte.
Eine Medaille in der Mannschaftswertung sprang daraus allerdings nicht heraus.
Alisa Vainio läuft der Konkurrenz davon
Der Frauen-Marathon entwickelte sich völlig anders. Die Finnin Alisa Vainio wartete nicht auf taktische Spielchen, sondern setzte sich früh von ihren Konkurrentinnen ab und baute ihren Vorsprung kontinuierlich aus.
Im Ziel standen 2:22:26 Stunden auf der Uhr. Auch diese Zeit bedeutete Meisterschaftsrekord. Vainio gewann mit großem Vorsprung vor Lili Anna Vindics-Tóth aus Ungarn. Bronze ging an die Britin Abbie Donnelly.
Aus deutscher Sicht verlief das Frauenrennen deutlich unauffälliger. Beste Deutsche wurde Laura Hottenrott auf Rang 16. Auch das deutsche Team erreichte in der Mannschaftswertung keinen Podestplatz.
Damit blieb die Wiederholung des Erfolges von München 2022 aus. Damals hatte das deutsche Frauen-Team die Mannschaftswertung gewonnen.
Petros setzt den Schlusspunkt
Das Straßenprogramm dieser EM hatte damit zwei sehr unterschiedliche Gesichter. Am Samstag präsentierte sich ein Gehsport im Umbruch. Halbmarathon und Marathon sind neue Meisterschaftsdistanzen, und ausgerechnet bei ihrer ersten EM wurden bei den Frauen sofort zwei Weltrekorde aufgestellt.
Am Sonntag rückte dagegen eine der ältesten Ausdauerdisziplinen der Leichtathletik in den Mittelpunkt. Der Marathon brauchte keine neue Distanz, um eine neue Geschichte zu erzählen.
Amanal Petros wartete nicht auf die letzten zwei Kilometer. Er setzte seine Entscheidung deutlich früher, akzeptierte den langen Weg allein und brachte sieben Sekunden Vorsprung ins Ziel.
Vor vier Jahren hatte ihm in München wenig zu einer Medaille gefehlt. In Birmingham reichte wenig zu Gold.
Gerade deshalb dürfte dieser Marathon in Erinnerung bleiben.
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Autor und Copyright: Detlev Ackermann, Laufen-in-Koeln
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