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Der erste Backyardman stellt alles infrage, was wir für Extremsport hielten |
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Stellen Sie sich vor, ein Wettkampf hätte kein Ziel. Keine 42,195 Kilometer, keine feste Ironman-Distanz, keine Ziellinie mit Torbogen und Konfetti. Stattdessen: ein Kreis, der sich immer wieder schließt, bis nur noch eine Person übrig ist. Genau das ist die Idee hinter dem Backyard Ultra, dem vielleicht kompromisslosesten Format im Ausdauersport. Und ausgerechnet dieses Format bekommt am 18. September 2026 im unterfränkischen Zellingen eine Weiterentwicklung, die selbst hartgesottene Ultraläuferinnen und Ultraläufer schlucken lässt: den Backyardman, den weltweit ersten Backyard-Ultra-Triathlon.
Wer glaubt, ein normaler Backyard Ultra sei bereits die Spitze des Machbaren, wird hier eines Besseren belehrt.
Was genau ist ein Backyardman
Die Grundidee des Backyard Ultra stammt vom amerikanischen Extremsportler Gary Cantrell, besser bekannt als Lazarus Lake. 2011 veranstaltete er auf seinem eigenen Grundstück in Tennessee erstmals ein Rennen, bei dem stündlich eine Runde von 6,706 Kilometern zu laufen ist, bis nur noch eine einzige Person übrig bleibt. Alle anderen gelten als ausgeschieden, unabhängig davon, wie viele Runden sie geschafft haben. Der Weltrekord in dieser reinen Laufvariante liegt inzwischen bei 119 Runden und damit knapp 798 Kilometern, aufgestellt 2025 vom Australier Phil Gore. Bei den Frauen hält die Britin Sarah Perry die Bestmarke mit 95 Runden, umgerechnet 637 Kilometern.
Der Backyardman übersetzt genau dieses Ausscheidungsprinzip in den Triathlon. Statt einer Laufrunde absolvieren die Teilnehmenden laut der offiziellen Ausschreibung eine komplette Sprintdistanz: 500 Meter Schwimmen im Freibad Zellingen, 20 Kilometer Radfahren am Main entlang und 5 Kilometer Laufen zurück ins Camp. Für eine komplette Runde bleiben genau zwei Stunden Zeit. Danach beginnt, egal wie schnell jemand war, gemeinsam die nächste Runde, eingeläutet mit einer Glocke. Wer eine Runde nicht schafft oder nicht mehr an der Startlinie steht, scheidet aus und hängt seinen Namen von der Tafel im Camp. Der erste Start ist für 12 Uhr angesetzt, organisiert von David Wiedl, der die Idee entwickelte, und Jürgen Schweighöfer, der in der Würzburger Region bereits Veranstaltungen wie den Last Legs Backyard Ultra ausrichtet.
Die Zahlen wachsen dabei erschreckend schnell. Nach vier Runden stehen bereits zwei Kilometer Schwimmen, 80 Kilometer Radfahren und 20 Kilometer Laufen zu Buche. Nach acht Runden sind es vier Kilometer im Wasser, 160 Kilometer auf dem Rad und 40 Kilometer zu Fuß, und die Uhr tickt unerbittlich weiter. Für die Premiere sind maximal 50 Startplätze vorgesehen, jede Person darf eine eigene Support-Crew mitbringen, die im eigens errichteten Athletencamp direkt am Beckenrand hilft.
Warum das Format Ärzte alarmiert
So faszinierend das Konzept klingt, so deutlich äußern sich Mediziner und Sportwissenschaftler zu den gesundheitlichen Risiken solcher Last-Man-Standing-Formate. Erst im August 2026 sorgte der Last Soul Ultra in Nordrhein-Westfalen für Schlagzeilen, als Caro Bolte eine neue deutsche Frauenbestmarke aufstellte und gleich drei Männer die 500-Kilometer-Marke überboten. Fachleute warnten dabei ausdrücklich davor, dass ein Format, dessen Ende nicht durch eine Ziellinie, sondern durch die vollständige Erschöpfung fast aller Teilnehmenden definiert wird, die Wahrnehmung körperlicher Warnsignale systematisch untergräbt. Der dauerhafte Entzug von Regenerationsphasen könne Muskeln, Sehnen und das Herz-Kreislauf-System langfristig belasten.
Der Sportwissenschaftler Thomas Gronwald bringt die physiologische Herausforderung auf den Punkt: Der Körper müsse über viele Stunden oder sogar Tage hinweg Energie bereitstellen, den Flüssigkeits- und Elektrolythaushalt regulieren und die Muskulatur immer wieder neu aktivieren, während gleichzeitig Schlafmangel, monotone Belastung und die ständige Entscheidung für die nächste Runde an der Psyche zehren. Aus sportwissenschaftlicher Sicht sei ein Backyard Ultra deshalb weniger ein Wettkampf gegen die Uhr als ein Wettkampf gegen die fortschreitende Ermüdung.
Konkret geraten bei solchen Extrembelastungen vor allem zwei Risiken in den Blick der Notfallmedizin. Zum einen die belastungsassoziierte Hyponatriämie, ein gefährlicher Natriummangel im Blut, der entsteht, wenn während stundenlanger Anstrengung zu viel reines Wasser aufgenommen wird. Laut Auswertungen des Deutschen Ärzteblatts entwickelt nach Ultramarathons oder Ironman-Wettkämpfen bis zur Hälfte der Teilnehmenden eine Hyponatriämie, bei einem Teil davon mit Symptomen wie Benommenheit, Übelkeit oder Krampfanfällen, die durch ein Hirnödem ausgelöst werden. Weil das Gehirn im Schädel kaum Ausweichraum hat, kann eindringende Flüssigkeit in den Zellen dort besonders gefährlich werden. Zum anderen droht bei extremer, wiederholter Muskelbelastung ohne ausreichende Erholung eine Rhabdomyolyse, der Abbau von Skelettmuskulatur, der die Nieren stark belasten und im Extremfall zu akutem Nierenversagen führen kann. Studien an Ultraläuferinnen und Ultraläufern sowie Ultra-Radsportlern zeigen, dass beide Zustände häufig gemeinsam auftreten und sich gegenseitig verschärfen können.
Zwischen Faszination und Fürsorge
Trotz dieser Risiken bleibt die Anziehungskraft solcher Formate für eine wachsende Gemeinschaft von Ausdauersportlerinnen und Ausdauersportlern ungebrochen, und das ist kein Widerspruch, sondern Teil der Erklärung. Der Physiotherapeut und Coach Bizjak formuliert es im Magazin edit unmissverständlich: Ein Ultralauf an sich sei nie gesund, das disziplinierte Training davor hingegen könne Herz, Kreislauf, Lunge und Muskulatur langfristig stärken. Der Wettkampf selbst bedeute dagegen puren Stress für den Körper, spürbar noch Tage später an einem geschwächten Immunsystem. Wer an einem solchen Rennen teilnimmt, weiß das in der Regel auch. Es geht diesen Menschen selten darum, unbedingt gesund zu bleiben. Es geht darum, herauszufinden, wo die eigene Grenze tatsächlich liegt, und was dahinter noch möglich ist.
Genau hier liegt die eigentlich interessante Frage, die der Backyardman aufwirft, und die sich nicht mit einem einfachen Ja oder Nein beantworten lässt. Braucht der Ausdauersport solche Formate, um sich weiterzuentwickeln, so wie einst der erste Ultramarathon oder der erste Ironman als verrückt galten, bevor sie zum etablierten Ziel wurden? Oder verschiebt sich hier eine Grenze, die besser dort geblieben wäre, wo sie war? Mediziner werden auch am 18. September in Zellingen nicht aufhören, vor Schlafentzug, Elektrolytstörungen und den langfristigen Folgen für Sehnen und Gelenke zu warnen. Die Teilnehmenden werden trotzdem an den Beckenrand treten, ihre Startnummer sichtbar tragen, und wenn die Glocke läutet, ins Wasser springen.
Wer selbst nicht am Main steht, kann das Rennen live verfolgen. Der Veranstalter überträgt jeden Loop-Start, das Camp und schließlich das Finale, wenn nur noch eine Person übrig ist, über den offiziellen YouTube-Kanal, ab 12 Uhr am Renntag. Ob dieses Finale nach acht Stunden erreicht ist oder erst nach achtzig, weiß an diesem Morgen noch niemand. Genau das ist der Punkt.
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ACHTUNG: Dieser Artikel enthält allgemeine medizinische Informationen und ersetzt keine individuelle sportärztliche Beratung. Wer mit dem Gedanken an einen Ultra-Wettkampf spielt, sollte das vorab mit einer Sportmedizinerin oder einem Sportmediziner besprechen.
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Autor und Copyright: Detlev Ackermann, Laufen-in-Koeln
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