Inhaltsverzeichnis
   
  Startseite
  Laufkalender
  Ergebnislisten
  Fotoarchiv
  Lauf-Treffs
  Laufstrecken
  Rund ums Laufen
  Lauf-Reportagen
  Impressum
 

Kontakt


Detlev Ackermann

 
   
 
   
 
   
 
 

Spenden

 

 

Warum Anfänger anders laufen
 
 
Laufen-in-Koeln >> Rund um's Laufen >> Tipps und Infos zum Thema Laufen >> Artikel

22.08.2026  

 
 

 
Wer mit dem Laufen beginnt, bekommt oft erstaunlich schnell Ratschläge zu seiner Technik. Die Schritte seien zu lang, der Oberkörper zu unruhig, die Hüfte müsse stabiler sein. Und überhaupt sehe das bei erfahrenen Läufern alles viel flüssiger aus.
 
Das kann durchaus stimmen. Nur folgt daraus nicht, dass der Anfänger falsch läuft.
 
Eine aktuelle wissenschaftliche Übersichtsarbeit legt vielmehr nahe, dass sich Lauftechnik mit der Erfahrung verändert. Der Körper lernt beim Laufen also offenbar nicht nur, länger oder schneller unterwegs zu sein. Er lernt auch, die Bewegung zunehmend sicher und wiederholbar zu organisieren.
 
Forscher der Shanghai University of Sport haben dafür 14 Studien mit insgesamt 457 Läuferinnen und Läufern ausgewertet. Verglichen wurden Anfänger mit erfahreneren Läufern. Das Ergebnis liefert keinen Beweis für den einen richtigen Laufstil. Es zeigt aber mehrere Unterschiede, die in dieselbe Richtung weisen: Erfahrene Läufer bewegen sich im Durchschnitt kontrollierter, stabiler und weniger variabel.
 
Jeder Schritt muss sich erst einspielen
 
Besonders auffällig war die sogenannte räumlich-zeitliche Variabilität.
 
Gemeint ist damit, wie ähnlich sich einzelne Schritte sind. Bei erfahrenen Läufern wiederholen sich Bodenkontakt, Schrittweite und zeitlicher Ablauf tendenziell gleichmäßiger. Bei Anfängern schwankt mehr von Schritt zu Schritt.
 
Das ist zunächst weder überraschend noch automatisch problematisch. Der Körper muss eine Bewegung organisieren, die zwar grundsätzlich vertraut ist, durch regelmäßiges Training aber plötzlich tausendfach wiederholt wird. Muskeln müssen zusammenarbeiten, Gelenke stabilisiert und Bewegungen zeitlich aufeinander abgestimmt werden.
 
Der Review fand bei Anfängern neben der größeren Variabilität unter anderem größere Bewegungsumfänge in verschiedenen Gelenken, eine schwächere Kontrolle im Bereich von Hüfte und Rumpf, geringere Koordination zwischen den Gelenken, mehr Asymmetrie und eine geringere dynamische Stabilität.
 
Das deckt sich mit einer Beobachtung, die viele Trainer aus der Praxis kennen. Menschen, die schon lange laufen, wirken häufig ruhiger und eingespielter. Nicht unbedingt schöner im ästhetischen Sinn und schon gar nicht alle gleich. Aber ihre Bewegung scheint stärker automatisiert.
 
Auch Laufen ist eine erlernte Bewegung
 
Beim Tennis oder Schwimmen halten wir diesen Gedanken für selbstverständlich. Niemand erwartet, dass ein Anfänger nach wenigen Einheiten denselben Bewegungsablauf zeigt wie jemand, der seit zehn Jahren trainiert.
 
Beim Laufen sehen wir das oft anders, weil fast jeder Mensch laufen kann, lange bevor er überhaupt mit Training beginnt.
 
Doch Alltagslaufen und regelmäßiges Ausdauertraining sind nicht dasselbe. Wer plötzlich drei- oder viermal pro Woche läuft, wiederholt eine ähnliche Bewegung über Tausende Schritte. Das Nervensystem bekommt damit ständig Gelegenheit, Abläufe zu koordinieren, zu stabilisieren und zu automatisieren.
 
Genau darin liegt die interessante Botschaft der neuen Arbeit. Lauferfahrung scheint mit bestimmten biomechanischen Merkmalen verbunden zu sein.
 
Sie beweist allerdings nicht, dass allein die absolvierten Kilometer diese Unterschiede verursacht haben.
 
Wann ist ein Läufer eigentlich erfahren?
 
Schon bei dieser einfachen Frage wird es wissenschaftlich kompliziert.
 
Die 14 ausgewerteten Untersuchungen definierten Lauferfahrung unterschiedlich. Einige nutzten die Zahl der Laufjahre, andere den wöchentlichen Trainingsumfang. Manche kombinierten mehrere Kriterien, andere orientierten sich an Wettkampferfahrung.
 
Damit kann ein Läufer je nach Studie als Anfänger oder als erfahren gelten.
 
Jemand kann seit acht Jahren zweimal pro Woche fünf Kilometer laufen. Ein anderer trainiert erst seit zwei Jahren, absolviert inzwischen aber 70 Kilometer pro Woche und hat mehrere Wettkämpfe bestritten. Wer von beiden besitzt mehr relevante Lauferfahrung?
 
Eine weitere systematische Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2025 zeigt dieses Problem ebenfalls deutlich. Dort wurden 28 Studien mit insgesamt 916 Personen ausgewertet. Auch hier unterschieden sich die Definitionen erheblich. Die Autoren kamen deshalb zu einer zurückhaltenderen Einschätzung: Die Auswirkungen der Lauferfahrung auf die Biomechanik seien in der bisherigen Forschung insgesamt nicht konsistent genug.
 
Das relativiert die neue Untersuchung, macht sie aber nicht wertlos. Es zeigt vielmehr, wie schwierig es ist, etwas so Alltägliches wie Lauferfahrung wissenschaftlich sauber zu erfassen.
 
Lauftechnik ist mehr als der Fußaufsatz
 
Interessant ist außerdem, wo die Forschung keine eindeutigen Unterschiede findet.
 
Gerade bei Knie- und Sprunggelenksbewegungen waren die Ergebnisse des aktuellen Reviews uneinheitlich.
 
Das ist bemerkenswert, weil Diskussionen über Lauftechnik oft genau dort beginnen. Fersenlauf oder Mittelfußlauf? Wie stark darf sich das Knie beugen? Wo sollte der Fuß aufsetzen?
 
Der Vergleich zwischen Anfängern und erfahrenen Läufern zeigt, dass Lauftechnik wesentlich mehr umfasst. Stabilität, Muskelkontrolle, Rhythmus, Koordination und die Fähigkeit, eine Bewegung über viele Schritte hinweg zuverlässig zu wiederholen, spielen ebenfalls eine Rolle.
 
Der erfahrene Läufer muss deshalb keineswegs aussehen wie der Läufer neben ihm. Körperbau, Beweglichkeit, Kraft, Tempo und Trainingsgeschichte unterscheiden sich.
 
Erfahrung scheint Läufer nicht in dieselbe technische Schablone zu pressen. Wahrscheinlicher ist, dass jeder innerhalb seiner eigenen Voraussetzungen eine stabilere und besser eingespielte Lösung entwickelt.
 
Muss man Anfängern Lauftechnik beibringen?
 
Hier wäre es verlockend, aus dem Review sofort konkrete Trainingsvorgaben abzuleiten. Anfänger müssten demnach nur ihre Hüfte stabilisieren, an der Koordination arbeiten und gezielt ihre Technik verändern.
 
So weit reichen die Daten nicht.
 
Die meisten eingeschlossenen Studien verglichen Gruppen zu einem bestimmten Zeitpunkt. Sie begleiteten nicht dieselben Laufanfänger über Jahre und beobachteten, wie sich deren Bewegungsmuster entwickelten.
 
Deshalb bleibt eine wichtige Frage offen: Werden Läufer durch Erfahrung technisch stabiler oder bleiben möglicherweise gerade jene Menschen langfristig beim Laufen, deren Bewegungsapparat von Anfang an gut mit der Belastung zurechtkommt?
 
Hinzu kommt ein methodisches Problem. Der überwiegende Teil der Untersuchungen wurde auf dem Laufband durchgeführt. Nur wenige Studien betrachteten das Laufen über Grund. Schuhe, Fußaufsatz und andere Bedingungen wurden ebenfalls nicht überall einheitlich kontrolliert.
 
Laboruntersuchungen sind notwendig, um Bewegungen präzise messen zu können. Sie bilden den normalen Trainingsalltag aber nur eingeschränkt ab.
 
Und was ist mit Verletzungen?
 
Gerade an diesem Punkt sollte man vorsichtig sein.
 
Die Autoren bringen die geringere Stabilität und Koordination von Anfängern mit einer möglichen höheren Verletzungsanfälligkeit in Verbindung. Biomechanisch ist diese Überlegung nachvollziehbar. Ein direkter Beweis dafür, dass genau die im Review beschriebenen Bewegungsunterschiede tatsächlich Verletzungen verursachen, liegt jedoch nicht vor.
 
Laufverletzungen entstehen selten durch einen einzigen Faktor. Trainingsumfang, Belastungssteigerung, frühere Verletzungen, Kraft, Regeneration und weitere Einflüsse spielen zusammen.
 
Ein etwas variablerer Schritt eines Anfängers darf deshalb nicht automatisch als problematischer Laufstil bewertet werden.
 
Wer gerade mit dem Laufen begonnen hat und beschwerdefrei trainiert, braucht nicht allein wegen eines vermeintlich unruhigen Bewegungsbildes eine technische Generalüberholung.
 
Vielleicht braucht gute Lauftechnik vor allem Zeit
 
Damit verändert sich auch der Blick auf Anfängertraining.
 
Lauf-ABC, Krafttraining, Gleichgewichtsübungen und eine vernünftige Belastungssteuerung können sinnvoll sein. Bei Beschwerden kann auch eine professionelle Bewegungsanalyse helfen.
 
Aber ein entscheidender Trainingsreiz wird leicht übersehen: das regelmäßige Laufen selbst.
 
Mit jedem Kilometer sammelt das Nervensystem Erfahrung. Es verarbeitet Bodenkontakte, stabilisiert den Körper und stimmt Bewegungen immer wieder neu aufeinander ab. Was am Anfang noch stärker schwankt, kann mit der Zeit gleichmäßiger und automatisierter werden.
 
Wie groß dieser Lerneffekt tatsächlich ist und wie viele Monate oder Kilometer dafür nötig sind, lässt sich aus dem bisherigen Forschungsstand noch nicht ableiten. Dafür wären langfristige Untersuchungen nötig, die dieselben Anfänger über einen längeren Zeitraum begleiten.
 
Auch die Finanzierung der aktuellen Übersichtsarbeit gehört zur Einordnung. Die Untersuchung entstand im Rahmen eines gemeinsamen Projekts von Nike und der Shanghai University of Sport zur Einrichtung eines wissenschaftlichen Lauflabors. Die Autoren erklären zugleich, keine kommerziellen oder finanziellen Beziehungen zu haben, die als potenzieller Interessenkonflikt gewertet werden könnten. Die Finanzierung ist damit offengelegt und sollte bei der Bewertung der Arbeit mitgedacht werden.
 
Für Laufanfänger bleibt daraus eine beruhigende Botschaft.
 
Der erste Laufstil muss nicht der endgültige sein.
 
Wer heute noch etwas unrund läuft, muss deshalb nicht sofort versuchen, jeden Schritt bewusst zu korrigieren. Vielleicht befindet sich der Körper schlicht in einem Prozess, den wir bei anderen Sportarten ganz selbstverständlich akzeptieren: Er sammelt Erfahrung.
 
Und möglicherweise erkennt man einen erfahrenen Läufer am Ende weniger daran, dass er die perfekte Technik gefunden hat.
 
Sondern daran, dass sein Körper seine eigene gefunden hat.

__________________________________
Autor und Copyright: Detlev Ackermann, Laufen-in-Koeln


Drucken Drucken     Mailen Weiterempfehlen     Merken Merken Nach oben Nach oben