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Wie lange hält der Laufboom noch? |
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Marathons sind Monate vor dem Start ausverkauft, Halbmarathonplätze werden zur Mangelware und selbst Veranstalter mit jahrzehntelanger Geschichte melden Rekordzahlen. Der Laufsport erlebt eine Phase, wie es sie in dieser Breite lange nicht gegeben hat. Doch kein Wachstum setzt sich unbegrenzt fort. Die Frage ist deshalb nicht, ob sich der Markt wieder verändert, sondern wann und wo die ersten Grenzen sichtbar werden.
Wer Anfang Januar 2026 auf die Idee kam, im Oktober den Halbmarathon in Köln zu laufen, war bereits zu spät dran. Die 19.000 Startplätze, die in den freien Verkauf gingen, waren neun Monate vor dem Start vergeben. Im Juli meldete der Veranstalter für das gesamte Marathonwochenende schon mehr als 40.000 Anmeldungen und damit einen neuen Rekord. Mehr Teilnehmer auf der Halbmarathondistanz aufzunehmen, sei kaum möglich, erklärte Renndirektor Markus Frisch gegenüber dem WDR. Die Straßen würden schlicht zu eng.
Köln ist damit keineswegs ein Einzelfall. Der Haspa Marathon Hamburg 2026 war bereits Ende September 2025 komplett ausgebucht, sieben Monate vor dem Start. 20.000 Plätze waren für den Marathon vorgesehen, 8.000 für den Halbmarathon und weitere 6.000 Läuferinnen und Läufer für die Staffeln. In Bonn erreichte die Veranstaltung im April mit 22.222 Meldungen ihr selbst gesetztes Limit und damit die höchste Beteiligung ihrer Geschichte. Rund 4.000 Anmeldungen mehr als ein Jahr zuvor registrierten die Organisatoren. Der Halbmarathon mit 12.500 Plätzen war schon im Januar voll.
Und Frankfurt? Auch dort hieß es Mitte August: ausverkauft. Mehr als 18.000 Marathonmeldungen lagen für das Rennen Ende Oktober vor. Im Jahr zuvor waren knapp 17.000 Teilnehmer angemeldet gewesen.
Das alles wirft eine ungewöhnliche Frage auf. Nicht: Warum laufen immer weniger Menschen Wettkämpfe? Sondern: Wie lange kann das noch so weitergehen?
Zwei Millionen Teilnahmen zeigen die Dimension
Dass es sich nicht nur um einige besonders erfolgreiche Großveranstaltungen handelt, zeigen die Zahlen des Deutschen Leichtathletik-Verbandes.
Für 2025 weist die DLV-Laufstatistik 2.030.623 erfasste Teilnahmen bei 2.902 Veranstaltungen aus. Ein Jahr zuvor waren es 1.721.674 Teilnahmen bei 2.802 Veranstaltungen. Dabei handelt es sich nicht um zwei Millionen verschiedene Menschen. Wer im Jahr zehn Wettkämpfe bestreitet, taucht entsprechend mehrfach auf. Trotzdem ist die Entwicklung bemerkenswert: Die Zahl der registrierten Veranstaltungen hat nur vergleichsweise moderat zugenommen, die Zahl der Teilnahmen wesentlich stärker.
Auch bei den großen Rennen ist die Entwicklung deutlich. Die 20 größten deutschen Marathons kamen 2025 zusammen auf mehr als 110.000 Finisher. Gegenüber dem Vorjahr entsprach das einem Plus von 4,5 Prozent. Noch stärker entwickelte sich der Halbmarathon. Die 20 größten Rennen dieser Distanz brachten es auf mehr als 176.000 Finisher, 15 Prozent mehr als 2024.
Dabei wächst längst nicht nur Berlin. Frankfurt zählte 2025 12.329 Marathonfinisher und legte damit um 20 Prozent zu. Köln kam auf 7.944 und steigerte sich gegenüber dem Vorjahr um gut 41 Prozent. Münster, Bremen, Dresden, Freiburg oder Hannover verzeichneten ebenfalls deutliche Zuwächse.
Der Laufboom ist also real. Trotzdem lohnt sich bei all diesen Zahlen ein genauerer Blick.
London zeigt, wie verrückt der Markt inzwischen geworden ist
Wie groß die Nachfrage nach bestimmten Veranstaltungen mittlerweile ist, lässt sich derzeit kaum besser beobachten als in London.
Für den Marathon 2027 gingen 1.338.544 Bewerbungen ein. Ein Jahr zuvor waren es 1.133.813, für die Austragung 2024 noch 578.304 gewesen. Innerhalb von drei Jahren hat sich die Zahl der Bewerbungen damit mehr als verdoppelt. Für 2027 reagierte der Veranstalter schließlich auf die enorme Nachfrage und kündigte einmalig einen Marathon über zwei Tage mit insgesamt 100.000 Teilnehmern an.
Noch interessanter ist, wer sich dort bewirbt. 35 Prozent der britischen Bewerber für 2027 waren zwischen 18 und 29 Jahre alt. Bei den Frauen stellten die 20- bis 29-Jährigen sogar die größte Bewerbergruppe.
Das spricht gegen eine bequeme Erklärung, nach der wir lediglich einen Nachholeffekt nach der Pandemie beobachten. Offensichtlich ist eine neue Generation hinzugekommen, die den Laufsport anders entdeckt und teilweise auch anders lebt als frühere Läufergenerationen.
Genau dazu passen Daten von Strava. Das Unternehmen berichtete für 2024 von einem weltweiten Anstieg der Beteiligung an Laufclubs um 59 Prozent. Im Trendbericht für 2025 heißt es, dass sich die Zahl neu angelegter Clubs auf der Plattform nahezu vervierfacht habe. Laufclubs gehörten dabei zu den am stärksten wachsenden Kategorien. Besonders bei der Gen Z spielen gemeinsame Aktivitäten und Wettkämpfe eine große Rolle.
Strava bildet selbstverständlich nicht die gesamte Bevölkerung ab. Die Plattformdaten zeigen aber etwas, das derzeit auch auf den Straßen vieler Städte zu beobachten ist: Laufen ist für einen Teil der jüngeren Generation zu einer sozialen Aktivität geworden.
Der klassische einsame Dauerlauf hat Gesellschaft bekommen.
Doch was boomt eigentlich: das Laufen oder das Event?
An diesem Punkt wird die Sache komplizierter.
1,34 Millionen Bewerbungen für London bedeuten nicht, dass Großbritannien gerade 1,34 Millionen neue Marathonläufer hervorgebracht hat. Bewerbungen sind keine Starts. Meldungen sind keine Finisher. Und vor allem sind Menschen, die sich für London bewerben, häufig dieselben Menschen, die auch Berlin, Chicago, Valencia oder andere Rennen laufen möchten.
Ähnliches gilt für Deutschland. Ein Läufer kann in der DLV-Statistik im Laufe eines Jahres bei einem 10-Kilometer-Lauf, zwei Halbmarathons und drei weiteren Straßenläufen auftauchen. Steigende Teilnahmezahlen können deshalb zwei Ursachen haben: Es gibt mehr Läufer oder vorhandene Läufer bestreiten mehr Veranstaltungen.
Sehr wahrscheinlich geschieht derzeit beides.
Hinzu kommt ein dritter Effekt: Bestimmte Rennen sind vom sportlichen Wettkampf zum Erlebnisprodukt geworden.
Für viele Teilnehmer geht es nicht ausschließlich um die Zeit über 42,195 Kilometer. Ein großer Stadtmarathon ist Reise, Wochenendveranstaltung, persönliches Projekt, soziale Begegnung und sportliches Ziel zugleich. Wer monatelang trainiert, möchte diesen Tag nicht irgendwo verbringen, sondern möglichst bei einem Rennen, mit dem er etwas verbindet.
Das hilft den bekannten Veranstaltungen enorm.
Und es erzeugt einen weiteren Effekt.
Ausverkauft erzeugt noch mehr Nachfrage
Je früher Startplätze knapp werden, desto früher melden sich Läufer an.
Noch vor einigen Jahren konnte man bei vielen Rennen relativ entspannt abwarten, wie das Training verlief. Heute kann dieses Verhalten bedeuten, dass der gewünschte Startplatz längst vergeben ist. Also wird im Zweifel gebucht.
Damit beginnt ein Kreislauf. Frühe Ausverkäufe erzeugen Aufmerksamkeit. Aufmerksamkeit verstärkt die Sorge, beim nächsten Mal leer auszugehen. Die Anmeldungen erfolgen noch früher. Anschließend kann der Veranstalter erneut melden, dass sein Rennen so früh wie nie zuvor ausgebucht ist.
Das bedeutet nicht, dass die Nachfrage künstlich wäre. Die Startplätze sind schließlich tatsächlich verkauft. Es erschwert aber die Interpretation der Zahlen.
Ein Rennen, das acht Monate vorher ausverkauft ist, kann seine Teilnehmerzahl im nächsten Jahr nicht mehr verdoppeln, wenn Strecke, Startbereich und Zielkanal keine zusätzlichen Menschen aufnehmen können. Ab diesem Moment misst die Zahl der Teilnehmer nicht mehr die Nachfrage, sondern die Kapazität.
In Köln ist dieser Punkt beim Halbmarathon praktisch erreicht. Auch der Bonner Veranstalter erklärte nach dem Rekord von 22.222 Teilnehmern, dass in der gegenwärtigen Konstellation kaum noch mehr möglich sei.
Der Laufboom könnte deshalb irgendwann scheinbar zum Stillstand kommen, obwohl weiterhin mehr Menschen starten möchten.
Erste Zahlen zeigen bereits: Wachstum wird langsamer
Und dann gibt es noch einen zweiten möglichen Wendepunkt.
Bei den 20 größten deutschen Marathons stiegen die Finisherzahlen 2024 um 24,9 Prozent. 2025 waren es noch 4,5 Prozent. Auf den ersten Blick könnte man darin bereits den Beginn einer Sättigung sehen.
Ganz so einfach ist es allerdings nicht.
Berlin besitzt aufgrund seiner Größe enormes Gewicht in dieser Statistik. Dort kamen 2025 48.353 Läufer ins Ziel, rund 10,7 Prozent weniger als im Rekordjahr 2024. Gleichzeitig legten 14 der 20 größten Marathons laut der Auswertung um mehr als 20 Prozent zu. Von einer flächendeckenden Trendwende kann deshalb keine Rede sein.
Trotzdem ist das Nachlassen der Wachstumsdynamik interessant.
Einen vergleichbaren Verlauf sieht man in den USA. Der große Anmeldedienst RunSignup wertete für seinen RaceTrends Report 2025 mehr als 97.000 Veranstaltungen und 12,2 Millionen Registrierungen aus. Bei Rennen, die in zwei aufeinanderfolgenden Jahren über die Plattform liefen, stieg die Teilnahme 2023 im Durchschnitt um 11 Prozent, 2024 um acht Prozent und 2025 noch um fünf Prozent. Die Rennen wuchsen also weiterhin, aber zunehmend langsamer. Nach Angaben des Unternehmens lag das durchschnittliche Rennen inzwischen wieder über seiner Größe von 2019.
Amerikanische Zahlen lassen sich nicht einfach auf Deutschland übertragen. Sie zeigen aber, wie die nächste Phase eines Booms aussehen kann.
Nicht Absturz.
Normalisierung.
Der Boom muss gar nicht platzen
Vielleicht liegt genau hier der Denkfehler, wenn wir auf den großen Einbruch warten.
Laufveranstaltungen sind keine Modeerscheinung, die an einem Dienstagmorgen plötzlich niemanden mehr interessiert. Deutschland hatte schon lange vor der Pandemie eine ausgeprägte Volkslaufkultur. Marathon, Halbmarathon und 10-Kilometer-Läufe verschwinden nicht wieder, nur weil die derzeit außergewöhnlichen Wachstumsraten irgendwann enden.
Wahrscheinlicher ist eine Sättigung.
Die Teilnehmerzahlen wachsen zunächst langsamer. Aus „schon neun Monate vorher ausverkauft“ werden vielleicht irgendwann sechs Monate. Dann drei. Irgendwann gibt es am Veranstaltungstag wieder Startplätze.
Für einen Veranstalter mit einem Limit von 20.000 Teilnehmern kann das trotzdem bedeuten, dass er Jahr für Jahr 20.000 Plätze verkauft. In seiner Ergebnisstatistik wäre keinerlei Krise erkennbar.
Die eigentliche Veränderung würde an anderer Stelle sichtbar: Der Verkäufermarkt wird wieder zum Käufermarkt.
Heute müssen Läufer bei manchen Rennen darum kämpfen, überhaupt einen Platz zu bekommen. Irgendwann müssen Veranstalter vielleicht wieder stärker darum kämpfen, dass Läufer gerade ihr Rennen auswählen.
Dann könnte sich der Markt auseinanderziehen
Und genau das dürfte besonders spannend werden.
Es gibt wenig Grund anzunehmen, dass London, Berlin oder die großen deutschen Stadtmarathons von einem Ende des derzeitigen Wachstums sofort hart getroffen würden. Solche Veranstaltungen besitzen Markenbekanntheit, große Zuschauerkulissen und teilweise internationale Nachfrage.
Bei kleineren und mittleren Rennen ist die Ausgangslage eine andere.
Das bedeutet nicht, dass diese Veranstaltungen derzeit bereits flächendeckend Teilnehmer verlieren. Die vorhandenen Daten geben das nicht her. Im Gegenteil: Auch zahlreiche kleinere Rennen haben nach den schwachen Pandemiejahren wieder zugelegt.
Die Frage ist vielmehr, was passiert, wenn die Zahl der möglichen Wettkämpfe stärker wächst als die Zahl der Menschen, die dafür Zeit und Geld ausgeben wollen.
Ein Läufer hat nicht beliebig viele Wochenenden. Und selbst ein begeisterter Läufer verfügt nicht über ein unbegrenztes Budget für Startgelder, Hotels und Reisen. Dazu kommen Trailrennen, Ultras, Firmenläufe und andere Sportformate, die ebenfalls um dieselbe Freizeit konkurrieren.
Dann wird Auswahl wichtiger.
Ein traditionsreicher Stadtlauf mit guter Organisation, attraktiver Strecke und eigener Identität hat dabei andere Voraussetzungen als ein austauschbares Rennen, bei dem der Teilnehmer kaum einen Grund erkennt, ausgerechnet dort zu starten.
Der mögliche Kipppunkt des Laufbooms wäre damit nicht das Ende des Laufens. Es wäre der Beginn einer stärkeren Auslese unter den Veranstaltungen.
Auf diese Zahlen sollten wir jetzt achten
Ob dieser Punkt näher rückt, wird sich vermutlich nicht zuerst an den Rekordmeldungen der größten Marathons erkennen lassen.
Interessanter ist, wie früh Rennen ausverkauft sind. Ob Wartelisten länger oder kürzer werden. Wie schnell zurückgegebene Startplätze neue Besitzer finden. Ob die Zuwächse bei 5 und 10 Kilometern sowie beim Halbmarathon anhalten. Und vor allem, wie sich die große Masse der regionalen Veranstaltungen entwickelt.
Auch das Alter der neuen Teilnehmer wird entscheidend sein.
Wenn die derzeit starke jüngere Generation nach ihrem ersten Halbmarathon oder Marathon anschließend dauerhaft beim Laufen bleibt, könnte der aktuelle Boom eine langfristige Verschiebung ausgelöst haben. Wenn ein erheblicher Teil nach zwei oder drei Jahren zum nächsten Freizeittrend weiterzieht, werden Veranstalter das ebenfalls spüren.
London liefert dafür gerade ein bemerkenswertes Experiment. Wenn 35 Prozent der britischen Bewerber für 2027 unter 30 Jahre alt sind, kommt eine große neue Gruppe in den Ausdauersport. Die entscheidende Zahl kennen wir aber erst später: Wie viele von ihnen laufen 2030 noch?
Vielleicht wird der große Laufboom deshalb nicht mit einem Knall enden.
Vielleicht merken wir eines Tages lediglich, dass man sich für einen Halbmarathon wieder vier Wochen vor dem Start anmelden kann.
Und genau dann dürfte rückblickend klar werden, wie außergewöhnlich die Jahre waren, in denen Läufer ihre Wettkämpfe planen mussten, bevor sie überhaupt mit dem Training begonnen hatten.
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Autor und Copyright: Detlev Ackermann, Laufen-in-Koeln
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