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Detlev Ackermann

 
   
 
   
 
   
 
 

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Würdest du auch laufen, wenn es keine Medaille und kein Strava gäbe?
 
 
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21.09.2026  

 
 

 
Die Medaille hängt an der Wand. Das Zielfoto landet auf Instagram. Wenige Minuten nach dem Lauf ist die Aktivität auf Strava hochgeladen, komplett mit Pace, Höhenmetern, Herzfrequenz und einer kleinen Geschichte darüber, wie hart die letzten Kilometer waren.
 
All das gehört für viele längst zum Laufen dazu. Daran ist zunächst nichts falsch. Eine Medaille kann an einen besonderen Tag erinnern. Ein Foto hält einen Moment fest, auf den man stolz ist. Strava verbindet Menschen, die sich sonst vielleicht niemals begegnen würden.
 
Interessant wird es bei einer anderen Frage: Was wäre, wenn all das wegfiele?
 
Keine Medaille. Kein Foto. Keine Ergebnisliste. Keine Kudos. Niemand sieht, wie weit oder wie schnell man gelaufen ist.
 
Würden wir trotzdem die Schuhe anziehen?
 
Was bleibt, wenn niemand zuschaut?
 
Wer länger läuft, kennt die stillen Einheiten. Acht Kilometer an einem grauen Dienstagmorgen. Der lange Lauf am Sonntag, bei dem nichts Besonderes passiert. Keine Bestzeit, keine Startnummer, kein Zielbogen.
 
Gerade solche Einheiten machen einen großen Teil des Läuferlebens aus.
 
Trotzdem ist die Sichtbarkeit des Laufens in den vergangenen Jahren enorm gewachsen. Training findet längst nicht mehr nur auf Straßen, Waldwegen und Laufbahnen statt. Es findet auch auf Plattformen statt.
 
Die Einheit wird aufgezeichnet, ausgewertet, geteilt und kommentiert. Damit verändert sich nicht unbedingt das Laufen selbst, wohl aber die Art, wie wir es wahrnehmen.
 
Ein Lauf ist plötzlich nicht mehr nur etwas, das man gemacht hat. Er wird etwas, das andere sehen können.
 
Wenn aus Motivation Bestätigung wird
 
Äußere Anreize können ausgesprochen hilfreich sein. Ein Wettkampf im Kalender bringt Struktur ins Training. Die Aussicht auf eine Medaille kann gerade Laufanfänger motivieren, ein Ziel konsequent zu verfolgen. Auch soziale Plattformen können dazu beitragen, regelmäßig aktiv zu bleiben.
 
Problematisch wird das erst, wenn die Belohnung wichtiger wird als die Bewegung selbst.
 
Die Motivationsforschung unterscheidet unter anderem zwischen stärker von außen beeinflusster Motivation und Beweggründen, die aus einem persönlichen Interesse oder einer eigenen Überzeugung entstehen.
 
Menschen können beispielsweise laufen, weil sie Anerkennung bekommen möchten. Sie können laufen, weil sie Gewicht verlieren wollen oder sich auf einen Wettkampf vorbereiten. Sie können aber auch laufen, weil ihnen die Bewegung selbst Freude macht, weil sie den Kopf freibekommen oder weil das Laufen längst zu ihrem Alltag gehört.
 
In der Praxis gibt es diese Motive selten sauber voneinander getrennt.
 
Ein Marathonläufer kann sich auf seine Medaille freuen und trotzdem das Training lieben. Eine Läuferin kann ihre Aktivität gern auf Strava teilen und gleichzeitig auch dann laufen, wenn niemand davon erfährt.
 
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, ob äußere Motivation schlecht ist.
 
Sondern wie viel davon wir brauchen.
 
Die Medaille ist Erinnerung, nicht Ursache
 
Finishermedaillen haben sich bei vielen Laufveranstaltungen zu einem festen Bestandteil entwickelt. Selbst bei kürzeren Distanzen gehört das Stück Metall am Band inzwischen häufig zum Zielerlebnis.
 
Für Veranstalter ist es Anerkennung für die Leistung. Für Läufer wird daraus eine Erinnerung.
 
Manche sammeln ihre Medaillen an speziellen Halterungen. Andere bewahren sie in Kartons auf. Einige können noch Jahre später zu beinahe jedem Stück erzählen, welches Rennen dahintersteckt.
 
Die Medaille dokumentiert einen Moment.
 
Sie erzählt allerdings nicht unbedingt, weshalb jemand überhaupt angefangen hat zu laufen.
 
Vielleicht war es der Wunsch, fitter zu werden. Vielleicht begann alles mit einer Wette. Vielleicht kam das Laufen nach einer schwierigen Lebensphase. Manche entdecken irgendwann den Wettkampf für sich. Andere stellen fest, dass sie gerade das Laufen ohne Startnummer besonders mögen.
 
Und manche wissen nach vielen Jahren selbst nicht mehr genau, weshalb sie eigentlich angefangen haben.
 
Sie laufen einfach.
 
Strava hat das Laufen sichtbarer gemacht
 
Kaum eine Plattform steht so sehr für die moderne Ausdauersportkultur wie Strava.
 
Dort werden Kilometer nicht nur gespeichert. Sie werden Teil eines sozialen Netzwerks. Läufer folgen einander, vergeben Kudos, vergleichen Strecken und sehen, wer morgens schon unterwegs war.
 
Das kann motivieren.
 
Eine Untersuchung von Mitgliedern niederländischer Laufvereine zeigte beispielsweise, dass soziale Interaktionen auf Strava mit dem späteren Laufverhalten zusammenhängen können. Wer Anerkennung in Form von Kudos erhielt, lief anschließend tendenziell häufiger beziehungsweise mehr.
 
Der soziale Effekt ist also real.
 
Genau deshalb lohnt sich aber gelegentlich die Gegenfrage: Würde diese Einheit auch stattfinden, wenn sie hinterher niemand sehen könnte?
 
Nicht als Kritik an Strava.
 
Eher als kleiner Selbsttest.
 
Die unsichtbaren Kilometer entscheiden
 
Das Besondere am Laufen ist schließlich, dass ein großer Teil davon ohne Publikum stattfindet.
 
Niemand steht an der Strecke, wenn im Januar bei fünf Grad und Regen trainiert wird. Niemand verteilt Medaillen nach dem lockeren Dauerlauf. Für die Intervalle am Mittwochabend gibt es keine Ergebnisliste.
 
Und trotzdem entstehen genau dort die Voraussetzungen für jene Tage, die später sichtbar werden.
 
Der Marathon im Frühjahr dauert vielleicht vier Stunden. Die Vorbereitung darauf umfasst Wochen und Monate.
 
Die Medaille zeigt den einen Tag.
 
Das Laufen besteht aus allem davor.
 
Vielleicht erklärt das auch, warum sich die Motivation vieler Läufer im Laufe der Jahre verändert. Am Anfang stehen häufig messbare Ziele: fünf Kilometer schaffen, zehn Kilometer unter einer Stunde laufen, den ersten Halbmarathon finishen.
 
Später werden die Gründe oft weniger spektakulär.
 
Man läuft, weil man sich danach besser fühlt. Weil die Stunde draußen fehlt, wenn sie ausfällt. Weil Gespräche beim gemeinsamen Lauf entstehen, für die sonst keine Zeit wäre. Oder weil ein Sonntagmorgen irgendwann einfach unvollständig wirkt, wenn der lange Lauf fehlt.
 
Dafür gibt es keine Medaille.
 
Die schwierigste Frage steht nicht auf der Ergebnisliste
 
Natürlich dürfen Läufer stolz auf Medaillen sein. Sie dürfen Bestzeiten feiern, Zielfotos teilen und nach einer guten Einheit auf die nächsten Kudos schauen.
 
Laufen muss nicht frei von Eitelkeit sein, um wertvoll zu sein.
 
Vielleicht lohnt es sich trotzdem gelegentlich, alles Sichtbare gedanklich wegzunehmen.
 
Keine Uhr.
 
Keine App.
 
Keine Startnummer.
 
Keine Medaille.
 
Nur ein Paar Laufschuhe und ein Weg vor der Tür.
 
Und dann bleibt eine erstaunlich einfache Frage übrig:
 
Würdest du trotzdem loslaufen?
 
Wer diese Frage mit Ja beantworten kann, weiß vermutlich ziemlich genau, warum er läuft.

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Autor und Copyright: Detlev Ackermann, Laufen-in-Koeln


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