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Detlev Ackermann

 
   
 
   
 
   
 
 

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Als zehn Kilometer plötzlich politisch wurden
 
 
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09.10.2026  

 
 

 
Am frühen Morgen des 18. September 2026 stehen im Velayat-Park im Südwesten Teherans Frauen an einer Startlinie. Vor ihnen liegen zehn Kilometer, verteilt auf zwei Runden. Der Frauenlauf beginnt um 5.30 Uhr, die Männer starten später um 7 Uhr. Eigentlich ist es eine gewöhnliche Laufveranstaltung. Doch schon wenige Stunden später wird aus dem Rennen ein politischer Vorgang.
 
Der Grund ist auf Bildern und Videos zu sehen, die sich schnell über soziale Netzwerke verbreiten: Mehrere Teilnehmerinnen laufen ohne Kopftuch.
 
Was bei einem Straßenlauf in Deutschland niemanden interessieren würde, berührt im Iran eine der empfindlichsten gesellschaftlichen Fragen des Landes. Das verpflichtende Tragen des Hidschab gilt weiterhin. Gleichzeitig verzichten vor allem in den größeren Städten inzwischen viele Frauen öffentlich darauf. Genau dieser Konflikt wird an diesem Morgen auf einer Laufstrecke sichtbar.
 
Einen Tag nach dem Rennen reagiert die iranische Justiz. Die Staatsanwaltschaft Teheran leitet gegen Verantwortliche der Veranstaltung ein Verfahren ein. Zur Begründung heißt es, bei dem Lauf seien „gesetzliche und religiöse Vorgaben“ nicht eingehalten worden.
 
Der Lauf war genehmigt
 
Besonders bemerkenswert ist, dass es sich offenbar nicht um irgendeine improvisierte Veranstaltung handelte. Nach Angaben des Leiters der Sport- und Jugendbehörde der Provinz Teheran war das Rennen vom zuständigen Sicherheitsrat genehmigt worden.
 
Die Organisatoren hatten sich sogar zusätzlich abgesichert. Teilnehmer mussten demnach vor dem Start schriftlich zusichern, die islamischen Vorgaben einzuhalten. Nach Angaben des Präsidenten des Teheraner Leichtathletikverbandes wurden Kopftücher ausgegeben. Sicherheitspersonal war entlang der Strecke eingesetzt, Teilnehmerinnen sollen auf Verstöße hingewiesen worden sein. Einzelnen Frauen sei sogar der Start verweigert worden.
 
Trotzdem zeigen die veröffentlichten Aufnahmen Läuferinnen mit offenem Haar.
 
Damit gerieten ausgerechnet diejenigen unter Druck, die den Lauf organisiert und genehmigt hatten.
 
Für Veranstalter in Deutschland klingt das beinahe absurd. Hier geht es bei einem 10-km-Lauf um Streckengenehmigungen, Verkehrssicherung, Zeitmessung, Sanitätsdienst und Verpflegung. In Teheran konnte offenbar noch eine andere Frage entscheidend werden: Tragen alle Frauen während des Laufens die vorgeschriebene Kopfbedeckung?
 
Und wer ist verantwortlich, wenn sie es nicht tun?
 
Keine Demonstration, sondern ein Straßenlauf
 
Gerade die Normalität der Bilder macht sie bemerkenswert.
 
Zu sehen sind keine Transparente und keine politischen Parolen. Frauen laufen in Sportkleidung durch einen Park. Einige tragen Kopftuch, andere nicht. Sie kämpfen um Platzierungen, Zeiten oder schlicht darum, zehn Kilometer zu bewältigen.
 
Die iranische Langstreckenläuferin Parisa Arab gewann das Frauenrennen. Sie hält unter anderem iranische Landesrekorde über 5.000 und 10.000 Meter sowie im Halbmarathon.
 
Es war also keine als Sportveranstaltung getarnte Protestaktion, sondern ein regulärer Wettkampf mit ambitionierten Athletinnen.
 
Trotzdem bekam er politische Bedeutung.
 
Denn im Iran kann bereits die Entscheidung einer Frau, ohne Kopftuch zu laufen, als öffentlicher Widerspruch gegen staatliche Regeln verstanden werden.
 
Seit 2022 hat sich das Straßenbild verändert
 
Der Konflikt um den Hidschab hat sich seit dem Tod von Mahsa Jina Amini grundlegend verändert. Die 22-Jährige war im September 2022 nach ihrer Festnahme durch die Sittenpolizei gestorben. Ihr Tod löste unter dem Motto „Frau, Leben, Freiheit“ landesweite Proteste aus.
 
Die Proteste wurden gewaltsam niedergeschlagen. Dennoch veränderte sich das Verhalten vieler Frauen. Vor allem in Teheran sieht man inzwischen regelmäßig Frauen ohne Kopftuch im öffentlichen Raum.
 
Die gesetzliche Pflicht besteht weiterhin, wird jedoch nicht mehr überall mit derselben Intensität durchgesetzt. Die Associated Press berichtete erst zwei Tage vor dem Lauf, dass Frauen in Teheran mittlerweile ohne Kopftuch Cafés besuchen, Sport treiben oder öffentliche Wege nutzen, während konservative Kräfte gleichzeitig eine härtere Durchsetzung der Vorschriften fordern.
 
Genau diese widersprüchliche Situation spiegelte sich auf der Laufstrecke wider.
 
Das Gesetz besteht. Die gesellschaftliche Realität hat sich verändert.
 
Zwei völlig unterschiedliche Bilder aus Teheran
 
Der 10-km-Lauf fand ausgerechnet an einem Tag statt, an dem sich in einem anderen Teil Teherans Hunderttausende Menschen zu einer staatlich organisierten Kundgebung versammelten.
 
Nach Angaben der Associated Press nahmen mehr als 300.000 Menschen an der Aktion „Janfaday-e Iran“ teil. Zu sehen waren militärische Ausrüstung, Angehörige der Revolutionsgarden und der Basij sowie Unterstützer der Staatsführung.
 
Die beiden Veranstaltungen hatten nichts miteinander zu tun. Trotzdem entstanden am selben Morgen zwei Bilder derselben Stadt.
 
Auf der einen Seite eine staatlich organisierte Machtdemonstration.
 
Auf der anderen Seite Frauen in Laufschuhen, von denen einige ihre Haare offen trugen.
 
Euronews griff genau diesen Kontrast auf.
 
Dabei sollte man vorsichtig sein, daraus eine einfache politische Botschaft zu konstruieren. Niemand weiß, weshalb jede einzelne Frau ohne Kopftuch lief. Nicht jede von ihnen muss sich als Aktivistin verstanden haben.
 
Vielleicht liegt gerade darin die eigentliche Bedeutung der Bilder.
 
Sie mussten gar nichts erklären.
 
Sie liefen einfach.
 
Sportlich war es kein Marathon
 
In verschiedenen Meldungen wird die Veranstaltung als „Teheran-Marathon“ bezeichnet. Sportlich ist das falsch.
 
Gelaufen wurden zehn Kilometer auf zwei Runden. Frauen und Männer starteten in getrennten Wettbewerben.
 
Das mag wie eine Nebensächlichkeit wirken. Für Läufer ist es das nicht. Ein Marathon hat 42,195 Kilometer. Ein 10-km-Lauf ist ein 10-km-Lauf.
 
Dass iranische Behörden und Medien den Begriff „Marathon“ dennoch verwenden, ändert daran nichts.
 
Es war nicht der erste Konflikt dieser Art
 
Schon zuvor hatte es im Iran Auseinandersetzungen um Laufveranstaltungen gegeben.
 
Auf der Insel Kisch waren Behörden nach einem Frauenlauf eingeschritten, bei dem Teilnehmerinnen ebenfalls ohne Kopftuch gelaufen waren. Wenige Tage vor dem Rennen in Teheran wurde außerdem der „Mahan Run“ in Kerman abgesagt. Dort waren Wettbewerbe über 5, 10 und 21 Kilometer vorgesehen. Berichten zufolge gab es Widerstand gegen die Teilnahme von Frauen und Männern an derselben Veranstaltung.
 
Damit geht es längst nicht mehr nur um einzelne Athletinnen.
 
Auch Veranstalter müssen damit rechnen, für das Verhalten ihrer Teilnehmer zur Verantwortung gezogen zu werden.
 
Das verändert den Charakter einer Sportveranstaltung grundsätzlich.
 
Wenn Laufen plötzlich Freiheit bedeutet
 
Im Laufsport wird gerne von Freiheit gesprochen. Man kann laufen, wann man möchte, wie schnell man möchte und mit wem man möchte.
 
Meist bleibt das eine schöne Vorstellung, die mit dem Alltag eines Läufers wenig Konfliktpotenzial besitzt.
 
In Teheran bekam dieser Begriff am 18. September eine andere Dimension.
 
Frauen liefen zehn Kilometer durch einen öffentlichen Park. Einige entschieden selbst, ob sie dabei ihre Haare bedecken.
 
Mehr mussten sie offenbar nicht tun, um staatliche Stellen auf den Plan zu rufen.
 
Am Ende erzählt dieser Lauf deshalb weniger über Bestzeiten als über die Gesellschaft, in der er stattfand. Ein Wettkampf, der für seine Teilnehmer eigentlich nach zehn Kilometern beendet war, beschäftigte anschließend Staatsanwaltschaft und Behörden.
 
Für einen Läufer hierzulande ist eine fehlende Kopfbedeckung nicht einmal eine Randnotiz.
 
In Teheran reichte sie aus, um aus einem 10-km-Lauf einen politischen Fall zu machen.

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Autor und Copyright: Detlev Ackermann, Laufen-in-Koeln


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