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64. Westenergie Marathon: Ein Rennen, das seinen vermessenen Weg verlor |
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Tom Förster und Alexandra Krämer laufen am Baldeneysee als Erste ins Ziel. Doch eine falsche Wende kurz nach dem Start verändert den gesamten Marathon und macht die gelaufenen Zeiten für Bestenlisten unbrauchbar.
Es hätte ein sportlich bemerkenswerter Sonntag für den Westenergie Marathon werden können. Rund um den Baldeneysee herrschten gute Laufbedingungen, die Veranstaltung verzeichnete einen starken Zuspruch und an der Spitze waren Zeiten unterwegs, die sich sehen lassen konnten. Tom Förster erreichte bei den Männern nach 2:18:08 Stunden als Erster das Ziel. Bei den Frauen setzte sich Alexandra Krämer in 2:47:04 Stunden durch.
Doch über dem 64. Westenergie Marathon vom 11. Oktober 2026 wird am Ende eine andere Geschichte stehen.
Schon auf der Einführungsschleife wurde das Marathonfeld falsch geführt. Der vorgesehene Streckenverlauf wurde verlassen, Teilnehmer drehten an unterschiedlichen Stellen um und der Veranstalter versuchte anschließend, die zusätzlich gelaufene Strecke durch eine Verkürzung an anderer Stelle auszugleichen.
Was zunächst nach einer Panne klingt, die sich vielleicht mit einigen verschobenen Metern beheben lässt, hat bei einem offiziell vermessenen Straßenlauf weitreichende Folgen.
Denn am Ende war nicht mehr jene Strecke gelaufen worden, die zuvor vermessen und dokumentiert worden war.
Die Panne beginnt kurz nach dem Start
Der Marathon am Baldeneysee folgt eigentlich einem klar definierten Verlauf. Nach einer kurzen Einführungsschleife führt die Strecke zweimal um den See. Hinter der Kampmannbrücke gehört auf der Wuppertaler Straße eine Pendelstrecke zum Kurs. Gerade diese zusätzlichen Streckenteile sorgen dafür, dass am Ende die vorgeschriebenen 42,195 Kilometer erreicht werden.
Am Sonntag funktionierte dieser Ablauf schon zu Beginn nicht.
Nach der inzwischen veröffentlichten Darstellung des Veranstalters wurde der vorgesehene Wendepunkt auf der Einführungsschleife vom Führungsrad überfahren. Das Feld folgte zunächst.
Damit war das Problem allerdings größer als eine für alle Teilnehmer identische Zusatzschleife.
Die Läufer bemerkten die Fehlleitung nicht gleichzeitig. Sie drehten deshalb nicht alle am selben Punkt wieder um. Bereits dadurch konnten sich unterschiedliche zusätzliche Laufwege ergeben.
Der Versuch, den Fehler im weiteren Rennverlauf zu kompensieren, machte die Situation noch komplizierter. Auf der Wuppertaler Straße wurde die dort vorgesehene Wendeschleife verkürzt. Die Veränderung orientierte sich nach Angaben des Organisationsteams an den GPS-Aufzeichnungen des Führungsrades.
Mathematisch klingt die Überlegung zunächst nachvollziehbar: Wer vorher zu weit gelaufen ist, läuft später entsprechend weniger.
Bei einer offiziell vermessenen Marathonstrecke funktioniert diese Rechnung jedoch nicht.
Eine vermessene Strecke lässt sich während des Rennens nicht neu zusammensetzen
Die entscheidende Größe bei einem bestenlistenfähigen Straßenlauf ist nicht lediglich die Zahl, die am Ende auf einer GPS-Uhr steht. Vermessen und dokumentiert wird ein bestimmter Streckenverlauf.
Die Vermessung erfolgt nach den einschlägigen Richtlinien von World Athletics und AIMS. Maßgeblich ist dabei der tatsächlich festgelegte Kurs, nicht eine nachträglich rechnerisch angenäherte Gesamtdistanz.
Wird dieser Verlauf verändert, indem beispielsweise ein Wendepunkt verschoben oder eine Pendelstrecke verkürzt wird, entspricht die tatsächlich gelaufene Strecke nicht mehr der offiziell vermessenen Strecke.
Genau das räumt inzwischen auch der Veranstalter ein. Die am 11. Oktober erzielten Marathonzeiten können nicht in die Bestenlisten des Leichtathletik-Verbandes aufgenommen werden.
Damit ist die wichtigste sportliche Konsequenz eindeutig.
Die Zeitmessung selbst kann trotzdem korrekt funktioniert haben. Sie dokumentiert, wie lange ein Teilnehmer vom Start bis zum Ziel unterwegs war. Daraus wird aber nicht automatisch eine offiziell verwertbare Leistung über 42,195 Kilometer.
Gerade dieser Unterschied ist für die Einordnung des Rennens entscheidend.
Wie lang war der Marathon tatsächlich?
Darauf gibt es keine Antwort, die für alle Teilnehmer gilt.
Das Führungsrad kam nach Angaben des Veranstalters auf eine Strecke, die ungefähr 200 Meter länger gewesen sein soll als die reguläre Marathondistanz. Dieser Wert lässt sich jedoch nicht auf das gesamte Feld übertragen.
Der Veranstalter weist inzwischen selbst darauf hin, dass Teilnehmer unterschiedlich auf die Fehlleitung reagierten. Hinzu kam die spätere Verkürzung des Streckenverlaufs. Deshalb können einzelne Läufer mehr, andere möglicherweise sogar weniger als die vorgesehene Distanz zurückgelegt haben.
Damit unterscheidet sich Essen 2026 von einem Rennen, bei dem eine komplette Strecke schlicht 100 oder 200 Meter zu lang geraten ist.
Es gab offenbar keine für alle identische Abweichung.
Und deshalb lässt sich das Ergebnis auch nicht nachträglich mit einer einfachen Zeitkorrektur reparieren.
Tom Förster: 2:18:08 Stunden bei der Marathon-Premiere
Sportlich verdient der erste Mann im Ziel trotzdem Aufmerksamkeit.
Tom Förster von der LG Braunschweig benötigte vom Start bis ins Ziel 2:18:08 Stunden. Er lag damit deutlich vor Elias Sansar, der nach 2:22:48 Stunden folgte. Christoph Uphues erreichte als Dritter nach 2:29:08 Stunden das Ziel.
Für Förster war Essen besonders interessant, weil er sich erstmals über die Marathondistanz versuchte. Der junge Läufer bringt bereits erhebliche Qualität von den kürzeren Langstrecken mit. Entsprechend spannend wäre eine regulär erzielte Zeit von 2:18 Stunden bei einem Marathondebüt gewesen.
Genau hier wird sichtbar, was eine solche Streckenpanne für einen Athleten bedeutet.
Förster war der Schnellste des Rennens. Er gewann die Veranstaltungswertung und hat eine starke Ausdauerleistung gezeigt.
Was er nicht erhält, ist eine offiziell verwertbare Marathonzeit von 2:18:08 Stunden.
Beides sollte man auseinanderhalten.
Die Leistung des Athleten wird durch den Fehler des Veranstalters nicht plötzlich wertlos. Für Bestenlisten, persönliche Bestzeiten und den Vergleich mit anderen regulär vermessenen Marathonrennen braucht es jedoch eine andere Grundlage.
Alexandra Krämer läuft als schnellste Frau 2:47:04 Stunden
Ähnlich liegt der Fall bei Alexandra Krämer vom LC Rapid Dortmund.
Sie erreichte nach 2:47:04 Stunden als erste Frau das Ziel. Victoria Brandt folgte in 2:47:59 Stunden, Sabine Meyer wurde mit 2:55:53 Stunden Dritte.
Für Krämer ist die fehlende Anerkennung besonders bitter.
Bei den Deutschen Marathonmeisterschaften 2025 in Hannover wurde sie von World Athletics mit 2:48:18 Stunden geführt. In Essen zeigte die Zieluhr nun 2:47:04 Stunden. Unter regulären Bedingungen wäre damit die Frage nach einer neuen persönlichen Bestleistung naheliegend gewesen.
Doch diese 2:47:04 Stunden können nicht als reguläre Marathonbestleistung behandelt werden.
Auch hier gilt: Krämer war die schnellste Frau dieses Rennens. Sie kam unter den für alle an diesem Tag geltenden organisatorischen Bedingungen als Erste ins Ziel und gewann damit die Veranstaltungswertung.
Aus der angezeigten Zeit wird deshalb aber keine anerkennungsfähige Marathonleistung über 42,195 Kilometer.
Sind Förster und Krämer nun Sieger?
Die Antwort hängt davon ab, worüber gesprochen wird.
In der Ergebnis- und Veranstaltungswertung sind Tom Förster und Alexandra Krämer die Erstplatzierten. Auch in der Berichterstattung werden beide entsprechend als Schnellste beziehungsweise Sieger geführt.
Etwas anderes ist die sportstatistische Bewertung ihrer Zeiten.
Eine 2:18:08 beziehungsweise 2:47:04 über Marathon lässt sich nur dann mit anderen Marathonleistungen vergleichen, wenn tatsächlich eine regelkonforme und entsprechend offiziell vermessene Marathonstrecke zugrunde liegt.
Diese Voraussetzung war in Essen nicht mehr gegeben.
Deshalb sollte man weder Förster noch Krämer ihren Sieg absprechen. Ebenso falsch wäre es jedoch, ihre Essener Zeiten künftig wie regulär erzielte Marathonbestzeiten zu behandeln.
Besonders problematisch sind knappe Entscheidungen
Eine weitere Folge der unterschiedlichen Laufwege betrifft die Vergleichbarkeit innerhalb des Feldes.
Wenn alle Teilnehmer exakt dieselbe zusätzliche Strecke hätten absolvieren müssen, bliebe zumindest ihre unmittelbare Konkurrenzsituation weitgehend vergleichbar.
Nach der Darstellung des Veranstalters war das aber nicht zwingend der Fall.
Wer an welcher Stelle bemerkte, dass die Spitze falsch gelaufen war, und welchen Weg er anschließend nahm, konnte die individuelle Gesamtdistanz beeinflussen. Durch die spätere Verkürzung der Wendeschleife kam eine weitere Variable hinzu.
Bei großen Zeitabständen dürfte das für die Reihenfolge praktisch häufig ohne Bedeutung sein. Bei engen Zieleinläufen lässt sich dagegen nicht ohne Weiteres ausrechnen, wie das Resultat auf dem ursprünglich vermessenen Kurs ausgesehen hätte.
Das ist keine Grundlage dafür, einzelne Platzierungen nachträglich infrage zu stellen. Dafür fehlen belastbare Daten. Es zeigt aber, weshalb sich die Panne nicht auf die einfache Aussage reduzieren lässt, jeder sei eben ein paar Meter zu weit gelaufen.
GPS konnte die Strecke nicht retten
Eine interessante Rolle spielt dabei die GPS-Aufzeichnung des Führungsrades.
Sie wurde genutzt, um während des Rennens abzuschätzen, wie stark die spätere Pendelstrecke verkürzt werden sollte.
Als kurzfristige Orientierung ist das nachvollziehbar. Eine GPS-Aufzeichnung ersetzt jedoch keine offizielle Streckenvermessung nach den anerkannten Richtlinien von World Athletics und AIMS.
Genau darin liegt ein häufiger Irrtum im Straßenlauf. Eine Laufuhr kann nach einem Marathon 42,0, 42,4 oder 42,7 Kilometer anzeigen, ohne dass daraus unmittelbar abgeleitet werden kann, ob die Strecke korrekt vermessen war.
Umgekehrt wird eine veränderte Strecke nicht deshalb zu einem regelkonformen Marathon, weil ein GPS-Gerät anschließend ungefähr 42,195 Kilometer ermittelt.
Die ursprünglich vorgesehene Essener Marathonstrecke war offiziell vermessen und dokumentiert. Die tatsächlich gelaufene Strecke entsprach diesem festgelegten Verlauf jedoch nicht mehr.
Die Seerunde blieb von der Marathonpanne unberührt
Der gesamte Veranstaltungstag sollte dennoch nicht auf diesen einen Fehler reduziert werden.
Neben dem Marathon gehörten unter anderem die Seerunde und die AllbauTeamStaffel zum Programm. Der Baldeneysee präsentierte sich am Sonntag als große Laufarena. Rund 4.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer waren bei den verschiedenen Wettbewerben dabei.
Bei der Seerunde gab es das Streckenproblem des Marathons nicht. Dort setzte sich bei den Männern Yann Jarosch in 1:07:28 Stunden vor Andreas Sprott in 1:07:37 und Vivien Hublier in 1:08:09 Stunden durch.
Bei den Frauen gewann Carolin Joeken in 1:10:59 Stunden vor Petra Siggemann in 1:13:08 und Nicola Orths in 1:17:42 Stunden.
Auch das gehört zur Geschichte dieses Sonntags. Viele Helfer waren im Einsatz, Zuschauer sorgten für Stimmung und Tausende Menschen nahmen an den verschiedenen Wettbewerben teil.
Eine funktionierende Großveranstaltung kann trotzdem an einer einzigen Stelle einen Fehler produzieren, dessen Folgen sportlich erheblich sind.
Der Veranstalter stellt sich der Verantwortung
Positiv ist, dass der TUSEM Essen die Konsequenz aus dem Vorfall inzwischen öffentlich benennt.
Die Marathonzeiten sind nicht bestenlistenfähig. Damit wird nicht versucht, die veränderte Strecke nachträglich als regulären 42,195-Kilometer-Kurs zu erklären.
Für eine Veranstaltung dieser Größenordnung ist die Aufarbeitung dennoch wichtig. Denn ein Führungsrad soll nicht lediglich vor dem Feld fahren. Seine zentrale Aufgabe besteht darin, die Spitze sicher über den vorgesehenen Kurs zu führen. Gleichzeitig muss eine Streckenorganisation so aufgebaut sein, dass eine falsche Fahrtrichtung möglichst gar nicht erst entstehen kann beziehungsweise unmittelbar aufgefangen wird.
Der Westenergie Marathon gehört seit Jahrzehnten zum deutschen Laufkalender. Die Geschichte des Rennens reicht bis 1963 zurück, selbst im Corona-Jahr 2020 wurde die Serie mit einer kleinen „Extrarunde“ fortgesetzt.
Gerade deshalb wird der Umgang mit diesem Fehler mehr über die Veranstaltung aussagen als der Fehler allein.
Ein starker Lauftag mit einem entscheidenden Makel
Tom Förster wird den 11. Oktober 2026 als den Tag in Erinnerung behalten können, an dem er bei seinem Marathon-Einstieg als Erster ins Ziel lief.
Alexandra Krämer war die schnellste Frau und sah nach 2:47:04 Stunden die Ziellinie.
Hinter ihnen lag ein langer und harter Wettkampf. Für viele Freizeitläufer lagen Monate der Vorbereitung hinter diesem Sonntag.
Diese Leistungen bleiben.
Was fehlt, ist die gemeinsame und entscheidende Grundlage eines regulären Marathons: dass alle Teilnehmer denselben festgelegten und nach den geltenden Vermessungsrichtlinien bestimmten Kurs über 42,195 Kilometer absolvieren.
Genau deshalb lässt sich der 64. Westenergie Marathon nicht mit einer korrigierten Zahl in der Ergebnisliste abschließen. Ein überfahrener Wendepunkt führte zunächst zu unterschiedlichen Laufwegen. Der Versuch, den Fehler später durch eine verkürzte Pendelstrecke auszugleichen, konnte den ursprünglich vermessenen Kurs nicht wiederherstellen.
Der nächste Termin steht bereits fest. Am 10. Oktober 2027 soll der 65. Westenergie Marathon stattfinden.
Dann werden sich viele Blicke wahrscheinlich auch auf jene Punkte der Strecke richten, die an diesem Sonntag gezeigt haben, wie entscheidend ein unscheinbarer Wendepunkt für einen Marathon sein kann.
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Autor und Copyright: Detlev Ackermann, Laufen-in-Koeln
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